Bericht über ein paar Versuche, den dritten Weltkrieg schreibend zu überleben

Von Gerhard Stadelmaier

Zwei, drei supergroße Wasserstoffbomben – "Nun, wünsche Glückseligkeiten!" – haben im Jahr 1955 so ziemlich aufgeräumt mit der Gattung Mensch. Vielleicht hocken in Australien noch ein paar rum. Auf der nördlichen Halbkugel aber ist er der einzige, freilich nur männliche Überlebende: der Tagebuchschreiber aus der Lüneburger Heide, versehen mit Schreibzeug, Kohlevorräten, einer Holzhütte – und dem postatomaren Wunderding schlechthin: einem Fahrrad.

Daß er bald die, einzige weibliche Überlebende trifft, und die beiden aufs Adam-und-Eva-Spiel sich dann im Jahre 1960 unmöglich mehr verlassen können, ist nicht so wichtig. Wichtig ist dieser Tagebucheintrag: "Wie gut, daß alles so weit gekommen ist." Und wichtig noch ein anderer: "Bloß gut, daß alles zu Ende war; und ich spuckte aus; Ende!" Und: "Ach, es war doch gut, daß Alle weg waren." Und: "Wenn ich erst weg bin, wird der letzte Schandfleck verschwunden sein."

Der da mit seinem Karabinergewehr die – tote – Hansestadt Hamburg durchstreift oder in – toten – englischen Militärlagern Beute macht, den Mond anbellt und Ratten verjagt und sich verzweifelt, wiewohl natürlich nie und nimmer schreibmüde fragt, "Warum ich überhaupt noch diariiere", macht sich aus der Apokalypse einen großen, grotesken Spaß. Sie ist für ihn die Chance, mit der Welt ins reine zu kommen: das, was er – liebend zwar – verachtet, muß er nun nicht mehr – verachtend – lieben. Seine Verzweiflung hat keinen Grund mehr in der Welt. Er ist vollkommen frei. Eine Art ohnallmächtiger Erster-Menschen-Gott, welcher der Letzten-Menschen-Welt noch ein paar Zeilen Letzte-Literatur hinterdrein höhnt. Dann ist Schluß. Und er atmet tief auf.

Der solcherart sich das komische Katastrophen-Jahr 1960 vorstellt, welches er im Jahre 1951 voraus-"sehend" (ja eigentlich erträumt) beschreibt, ist der Arno Schmidt der "Schwarzen Spiegel" (in Brand’s Haide). Hiroshima und Nagasaki lagen gerade fünf Jahre zurück. Die Atmosphäre war noch heiß vom Kalten Krieg. Die letzten Jahre der Menschheit schienen allein deshalb noch nicht weniger wahrscheinlich, weil das in Deutschland Jahre wirtschaftlichen "Wunder" werden sollten.

Wer da sich hohnvoll das "Ade, schöne Welt!" wünscht, der weiß genau, womit die Apokalypse aufräumt, wobei sie ihm hilft: sie ist die alles sauberfegende Vollzugshexe der wahren Schriftsteller, die ja auch an nichts anderem arbeiten als an der Aufhebung der Welt. Wenn’s dann wirklich so weit ist, sollte man nicht weinen: der Gestus der Stunde – ein Riesengelächter!