Eduardo De Filippo, der bedeutendste Komödiendichter unserer Zeit, Komödiant und Schauspieler, der Regisseur und Theaterleiter, Freund und Lehrer der Schauspieler aus dem Land von Arlechino und Pulcinella, ist am 31. Oktober gestorben. Er hat "die bundesdeutsche Theaterkruste" (Fritz Gordian) nie so recht durchbrechen können. Nur ausnahmsweise hat man sich an seine Stücke herangetraut, sie meistens als Boulevard mißverstanden oder als neapolitanische Folklore, und seine umfassend dokumentierte Theaterarbeit wurde bei uns nicht wahrgenommen, nicht daraufhin untersucht, was für unsere reich glitzernde verarmte Nach-Brecht-Bühne von ihr zu gewinnen wäre.

Zwar steht in jedem Programmheft, daß Eduardo De Filippo im Jahre 1900 geboren wurde, als unehelicher Sohn des berühmten neapolitanischen Schauspielers und Leiters einer Theatergruppe Eduardo Scarpetta, daß er seit seinem dritten Lebensjahr auf der Bühne stand, mit Schwester Titina und Bruder Peppino eine eigene "Compagnia del Teatro" gründete, die jahrzehntelang durch Italien zog, daß er über vierzig Komödien geschrieben hat (die Wahrheit listig verpackt während der Zeit des Faschismus), daß er 1981 einen Lehrauftrag der römischen Universität erhielt und vom Staatspräsidenten Pertini zum Senator auf Lebenszeit ernannt wurde – und es fehlt ja auch hierzulande nicht an Bewunderung für ihn, aber die Ratlosigkeit ist, immer noch, größer.

Ein "Volks-Pirandello" heißt es, sei er gewesen. Aber mir scheint er hat recht, wenn er sich dagegen wehrt, Pirandello zu nahe gerückt zu werden. Er hat sich mit Pirandello intensiv auseinandergesetzt. Aber bei ihm geht es nicht um das Problem Schein und Sein, sondern um den Konflikt Individuum-Gesellschaft. Seine Menschen reden auf groteske, zwerchfellerschütternde, tragische Weise aneinander vorbei, nicht weil sie in einander widersprechenden Schein weiten leben, sondern weil die erbarmungslose Wirklichkeit sie zu Scheinverhalten im Lebenskampf zwingt. So ist sein Theater klassenlos. Als Herrschende wie als Beherrschte sieht er nur Kleinbürger – die angemessene, die einzig realistische Perspektive nicht nur für Italien und Europa, sondern für den ganzen Planeten, der tatsächlich von West bis Ost, von Süd bis Nord, in die Hände ausbeuterischer Kleinbürger gefallen ist.

Wohl wahr, von Eduardos Dialogschärfe, von seinem Wortwitz, seiner (nie larmoyanten) neapolitanischen Melancholie geht Unersetzliches in den Übersetzungen verloren. Aber ich denke, es bleibt noch genug, was ihn unentbehrlich auch für uns machen könnte. Und vielleicht würde es uns den Zugang zu ihm erleichtern, wenn wir uns ihm nicht von Pirandello her näherten, auch nicht von der Folklore, die er ablehnte, sondern von Goldoni.

Beide Komödiendichter haben, bei allen Unterschieden, den gleichen unbestechlichen Blick auf ihre Welt, und gemeinsam ist ihnen auch die völlige Abwesenheit von Metaphysik (die Pirandello immerhin streift). Sie sind ganz im Diesseits. Für De Filippo hatte dies auch außerkünstlerische Folgen: Er hat eine Stiftung für straffällig gewordene Jugendliche zustande gebracht, die nach der Haft in einem "Handwerkerdorf" lernen, arbeiten und vom Verkauf ihrer Produkte leben.

"Mich irritieren nicht die Zuschauer, die erst nach Beginn des ersten Aktes ins Theater kommen, sondern nur die, die es vor dem Ende des dritten verlassen." Nun ist er selbst gegangen, und wer ihn liebte, findet, trotz De Fifippos 84 Jahren, trotz der Krankheit und zunehmenden körperlichen Hinfälligkeit der letzten Zeit, war es zu früh: So viel geistige Vitalität ging von ihm aus, so viel Intensität, Phantasie, Weisheit, Witz waren da nach wie vor lebendig. Eine seiner letzten Arbeiten ist die Übersetzung von Shakespeares "Sturm" in ein kunstvolles altes Neapolitanisch.

Richard Hey

Richard Hey, 1926 geboren, Verfasser von Romanen, Theaterstücken, Hörspielen, Regisseur, hat von De Filippo übersetzt "Die Kunst der Komödie", "Filumena Marturano" und, in Zusammenarbeit mit anderen, einige weitere Stücke des Italieners.