Es ist gerade zwanzig Jahre her, da mußte jeder Käufer eines Buches von Jahnn einen Verpflichtungsschein unterschreiben: "Ich erkläre, daß ich das 18. Lebensjahr vollendet habe und Hans Henny Jahnn, ‚Dramen Band 1‘, nur für meinen ausschließlichen Privatbedarf erwerbe. Ich werde das Buch auch nicht an Jugendliche weitergeben oder ausleihen."

Sind die Hürden vor dem Werk dieses radikal antizivilisatorischen Dichters seither niedriger geworden? Die siebenbändige Werkausgabe (Hoffmann und Campe, 1974) ist vergriffen. "Das Hans Henny Jahnn Lesebuch" aus demselben Verlag ist fast das einzig lieferbare Buch dieses Schriftstellers. Lesen wollen die Deutschen diesen Autor nicht, der schon 1917 erkannt hat: "Meine Werke sind wirklich wenig für unsere Zeit geeignet."

Nach langen Jahren des Vergessens haben die Theater wieder einige seiner monströs wilden Stücke gezeigt. Aber das blieben vereinzelte Wagnisse bei einem Dramatiker, der nie fürs Repertoire geschrieben hat, der schon 1925 auf eine Umfrage im Berliner Börsen-Courier über "Theater und Publikum" geantwortet hat: "Die wahrhaftigsten und menschlichsten Dinge sind heute von der Bühne verbannt, weil niemand es verstanden hat, die Theaterbesucher dahin zu erziehen, daß sie vorurteilslos, offen auch für das Ungeheure sind."

Vor dem Ungeheuren, dem Jahnn sich stellte und das er in seinen Dramen und Romanen ausstellt, retten sich noch heute manche Leser oder Zuschauer, indem sie die Diagnose nachsprechen, die der wacker deutsch-nationale Literaturhistoriker Paul Fechter ausgegeben hat: "Hilfloses Gestammel einer peinlich kranken Seele." Lange Zeit stand Fechters Schweizer Kollege, Walter Muschg, recht allein mit seinem Urteil: "Ich halte Jahnn ohne jede Einschränkung für den größten deutschen Prosaiker unserer Zeit."

Wie sehr Jahnns Bild auch in wohlmeinenden Köpfen noch immer verzeichnet ist, läßt sich einem Aufsatz in der Tageszeitung (TAZ) vom 24. Oktober ablesen. Mit Sympathie wird da Jahnn als Vorläufer der Öko-Bewegung von heute vorgestellt und von seinem Mythenglauben und der "sein gesamtes Werk durchziehenen Homoerotik" gesprochen, der Autor selber aber, unter Berufung auf Hans Mayer, als "Dunkelmann des Irrationalismus" in die Ecke gestellt. Jahnn, der sich selber so definiert: "Wo meine Werke anfangen, hat der menschliche Verstand schon längst aufgehört", ist aber komplizierter, als es sich ein braver TAZ-Kopf träumen läßt; man muß ihn sehr genau lesen, so genau wie seinen Verteidiger Hans Mayer, der, im Gegenteil, Jahnn in der Tradition europäischer Aufklärung sieht: "Jahnn ist nichts weniger als ein Obskurantist und Dunkelmann des spätbürgerlichen Irrationalismus ... Jahnn war ein Aufklärer ... ‚ kein Gegenaufklärer."

Hätte sonst wohl Brecht, zusammen mit Bronnen, Jahnns 1920 von dem sanften Oskar Loerke mit dem Kleistpreis ausgezeichnetes Drama "Pastor Ephraim Magnus" am 23. August 1923 in Berlin uraufgeführt? Daß dies keine jugendliche Verirrung des damaligen Bürgerschrecks Brecht war, bezeugt ein Brief aus Ostberlin, in dem Brecht sich, kurz vor seinem Tod, an das "schöne Stück" erinnert: "Heute noch habe ich die ungeheuere Klage des Sterbenden im Ohr; es ist einer der großartigsten Monologe der deutschen Literatur."

Die reiche Gestalt dieses Dichters, der auch Baumeister und Verleger war, Orgelbauer und Tierzüchter, Hormonforscher und Ökologe, und die Spannweite seines Werkes zwischen Mythenglauben und Aufklärung, Anarchismus und Gestaltungswillen, könnte eine Veranstaltungsreihe erhellen, mit der die 1950 von Jahnn gegründete "Freie Akademie der Künste in Hamburg" die "Literaturtage 1984" bestreitet: "Zeitgenosse Hans Henny Jahnn – Ist der Mensch noch zu retten". Die Veranstaltungen zum 90. Geburtstag und zum 25. Todestag Jahnns begannen mit einem Vortrag von Erhard Eppler über Jahnn als Ökologen und Kämpfer für den Frieden und dauern mit Ausstellungen, Konzerten, Aufführungen noch bis Mitte Dezember. "Bis heute haben die Hamburger nicht begriffen, wer da unter ihnen gelebt hat": diese bittere Einsicht des gegenwärtigen Akademie-Präsidenten ist einer der Gründe für diese schönen, richtigen, reichen Jahnn-Wochen.