Von Dieter Buhl

Sie war eine der aktivsten und einflußreichsten Frauen, die je im Weißen Haus gelebt haben. Rosalynn Carter nahm teil an Kabinettssitzungen, sie hatte einmal pro Woche ein Arbeitsessen mit ihrem Mann, auf dem ihre politischen Aufgaben besprochen wurden, und sie vertrat den Präsidenten mehrfach auf heiklen Auslandsmissionen. Weil sie im Gegensatz zu fast allen ihren Vorgängerinnen die Präsidentschaft nicht aus der Küchenperspektive oder vom Damenpodest erlebt hat, sondern eine sehr politische Präsidentengattin war, sind ihre Memoiren mehr als Gesellschaftserinnerungen von höchster Ebene. Vielmehr vermitteln sie Einblicke in Amerikas politischen Prozeß, wie sie ähnlich erdnah und anrührend nur selten gewährt worden sind:

Rosalynn Carter: "First Lady from Plains"; Houghton Mifflin Company, Boston 1984; 370 S., 17,95 Dollar.

Die Unsicherheiten und die Sprunghaftigkeit der Ära Carter werden hier, wenn auch unbewußt, noch einmal vor Augen geführt. Verständnis für den weithin glücklosen Jimmy Carter stellt sich ein, wenn auch nicht Vergebung. Vor allem bietet das Buch einen Erkenntnis-Schlüssel dafür, warum sich Carter so oft in den Schlingen der großen Politik verfing, warum er beeindruckende Autorität nie projizierte. Es liegt wohl an Plains, dem winzigen Dorf in Georgia, aus dem Jimmy wie Rosalynn stammen und von dem beide so nachhaltig geprägt wurden. Dort, auf dem flachen Lande, war die Welt noch heil und geordnet, auf die Wirren der Weltpolitik wurde dort niemand vorbereitet.

Trotz aller Geborgenheit scheint das Leben im ländlichen Georgia für Rosalynn Carter aber keine reine Idylle gewesen zu sein. In seinem Buch "Warum nicht der Beste" hat auch Jimmy Carter schon angedeutet, wie streng und hart es in einem bürgerlichen Haushalt in Plains zugehen konnte. Ähnliches erlebte Rosalynn, die aus einem weniger begüterten Hause stammte. Der familiäre Hintergrund mit seinen Zwängen zur Ausdauer und Disziplin macht erklärlich, warum Rosalynn Carter später zu einer so hartnäckigen wie standfesten Politikerfrau werden konnte. Weil sich die Autorin anders als die meisten Autobiographen nicht scheut, auch Schwächen und Gefühle zu offenbaren, gewährt sie einen Blick hinter die bis dahin unbekannte, soviel Selbstsicherheit ausstrahlende Fassade, der anrührt und viel von dem Druck freigibt, der zumal auf amerikanischen Politikerfrauen lastet.

Eine geborene Rednerin war Mrs. Carter nicht, als sie begann, die politische Karriere ihres Mannes tatkräftig zu unterstützen. Sie mußte weinen, ihr wurde schlecht vor ihren ersten Auftritten als Wahlkämpferin. Aber selbst in solchen Augenblicken wird erkennbar, weshalb Rosalynn Carter später als "eiserne Magnolie" bewundert oder gefürchtet wurde. Selbstzucht und der unbeugsame Wille, den einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen, halfen ihr dabei, ihrem Mann zur Seite zu stehen – erst bei seinem schier aussichtslosen Kampf um einen Sitz im Senat von Georgia, dann beim Ringen um den Posten des Gouverneurs in ihrer Heimatstadt und schließlich beim mühevollen, langwierigen Aufstieg zur Präsidentschaft.

Die Erzählungen der Wahlkämpferin Carter zählen mit zu den aufschlußreichsten, ehrlichsten, allerdings auch vor Banalitäten nicht zurückschreckenden Schilderungen der darwinistischen Wahlprozesse in Amerika, die es bisher zu lesen gab. Eine Frage jedoch läßt Mrs. Carter unbeantwortet: Warum nahmen sie und ihr Mann all die Strapazen der Wahlkämpfe auf sich, warum reisten sie bis zur totalen Erschöpfung durch das Land, warum ließen sie sich die Hände wunddrücken und wochenlang von ihrer, Familie trennen? Eine Idee, ein politisches Anliegen, ein Weltverbesserungsplan bewog die Carters offenbar nicht. Die Autorin jedenfalls gibt kein anderes Motiv für den Kampf um den Aufstieg zu erkennen als den Willen zum Sieg. Vielleicht erklärt das philosophisch-programmatische Vakuum hinter dem unbändigen Ehrgeiz, warum Jimmy Carter schließlich scheitern mußte.