Von Marken Stoessel

Es gibt ein untrügliches Zeichen, durch das ein guter Autor sich von einem mittelmäßigen oder schlechten unterscheidet: es ist der Ton, den er anstimmt und der sein Buch, seine Erzählung trägt; es ist die Atmosphäre, die seine Sprache mit sich führt, es ist der Atem, der Rhythmus, ja auch der Sog, mit dem er uns in das Geschehen zieht. Vergleichbar vielleicht dem Raum, den ein guter Schauspieler schon beim ersten Auftreten herzustellen und als seine Gegenwart auf der Bühne zu behaupten vermag, oder dem Pinselstrich des Malers, dem Duktus, mit dem er unser Auge und Interesse lenkt. Ton, Atmosphäre, Atem, Raum, Gegenwart oder Schwung einer Linie – sie wären gleichwohl nichts ohne eine in ihnen wirkende Erinnerung, auch wenn wir sie als solche nicht erkennen mögen.

Der junge Schweizer Autor Martin R. Dean, heute 29 Jahre alt, Student der Germanistik und Philosophie, schafft es scheinbar mühelos, uns so in seinen Bann zu ziehen. Zwei Bücher liegen mittlerweile von ihm vor: der große, über knapp 300 dichte Seiten sich verzweigende Roman "Die verborgenen Gärten", mit dem er vor zwei Jahren debütierte, sowie nun, in diesem Herbst, der Erzählungsband "Die gefiederte Frau" –

Beide Bände in ihrem unterschiedlichen Gattungscharakter machen deutlich, daß Schreiben, daß Kunst auf ihr magisches Element nicht verzichten kann. Bei Dean wirkt Schreiben wie Magie – so wie je nur ein Erzählen, ob mündlich oder schriftlich, fesselnd, bannend ist. Und was so Gesetz der Form und Wirkung seines Schreibens ist, das ist, in Variationen und überraschenden Verstrebungen, zugleich Thema seiner Bücher.

Schreibend beschwört der Autor in seiner ersten Erzählung "Zoo" die Phantasmagorie einer Frau im Leopardenfell: "Die Tatsache war nicht zu entkräften, daß ich mich ihr unwiderruflich genähert hatte, daß ich sie mit meinem Selbstgespräch für mich eingenommen hatte, so wie ich jetzt, Stunden später, beim Niederschreiben, vermutlich den letzten und engsten Kreis um sie legen werde."

Schreibend auch versucht Manuel Kornell, der junge Held des Romans ("Die verborgenen Gärten") und dessen fiktives Autor-Ich, gegen das undurchdringliche miasmatische Labyrinth des Gartens, inmitten dessen er in einer einsamen alten Villa haust, gegen das undurchsichtige Netz der Pläne seines sonderbaren Gastgebers Brosamer sich ein "Gegenlabyrinth" zu bauen, das dem ihm von Brosamer verordneten Vergessen seiner Vergangenheit, seines früheren Lebens widersteht. Schreibend und sich also erinnernd versteht Manuel allmählich sein labyrinthisches Asyl zu entwirren und Brosamer detektivisch zu enttarnen, dem, wie sich am Ende herausstellt, eben das fehlt, was der Held als seine reale und imaginäre Ariadne besitzt: Gedächtnis und Erinnerung.

Mit diesem Roman und seiner verwunschenen Gartenlandschaft entwirft Dean, dessen helle sensitive Intelligenz sich mit einer farbig quellenden Phantasie verbindet, die Ur-Metapher allen Welt- und Lebensrätsels, ein Labyrinth, das sich dem jungen Helden nach und nach entschlüsselt, ohne doch sein Geheimnis preiszugeben.