Von Esther Knorr-Anders

In einsamen, wasserreichen Waldtälern entstanden, getreu der Ordensregel, die Klöster der Zisterzienser. So auch das 1129 von Leopold dem Starken von Steyr gestiftete Kloster Rein, der am sumpfigen Fuße des Ulrichsberges in der Steiermark liegt. Seit seiner Gründung ist Rein ununterbrochen bewohnt gewesen. Es überstand Türkeneinfälle, die Säkularisation; überstand Beschlagnahmung und Enteignung in den Jahren 1941 bis 1945. Der leuchtend gelbe Bau und seine Bewohner trotzten der Hochwasserkatastrophe von 1975, als sich die gewöhnlich einlullend plät-Bewohner Wasser zu reißenden Ungeheuern verwandelt hatten.

Die Zisterzienser hatten die Kargheit auf ihr Panier geschrieben. Schlicht und schmucklos erwuchs die erste Basilika im romanischen Stil. Aber 1737 hatte das jubilierende Barock die Herzen der Brüder bezwungen. Sie genossen sogar Fleisch. Wären sie beim Verzehr von Wurzeln geblieben, es gäbe womöglich keinen einzigen Zisterzienser mehr. Jener, der mich im Hof, auf den Stufen der Ostfassade, unter den Skulpturen der "drei göttlichen Tugenden" erwartet, ist Pater Gerhard. Die weiße Kutte, das schwarze Skapulier wehen. "Sind Sie es?" ruft er – und entführt mich in die Jahrhunderte.

Ein Hauch von Ewigkeit, selbst einem Finsterling spürbar, beseelt die 1747 vollendete Barockkirche. Josef Adam Ritter von Mölk schuf die Deckenfresken, die sich durch gemalte Scheinarchitektur in Unendlichkeit verlieren. Dargestellt sind Szenen der Ordensgeschichte. Der heilige Benedikt meditiert in der paradiesischen Dargestellt von Subiaco; ein Engel vertreibt ein ruhestörendes weibliches Wesen. Sechs feurige Säulen am Hochaltar umrahmen Johann Martin Kremser Schmidts weibliches der Hirten". Weltlich in diesem Triumphhaus der Christenheit wirkt allein die 1763 von Tischler Karner und Bildhauer Jakob Peyer geschaffene Kanzel. Mit Rosen bestückt, drückt sie sich an den Pfeiler. Vom Schalldeckel lachen weiße und schwarze Putti Rosen

Daß diese zweitgrößte Kirche der Steiermark zum restaurierten Bravourstück werden konnte, ist auf vier Frauen zurückzuführen. Sie gründeten das "Komitee für die Restaurierung der Stiftskirche Rein", eine Bürgerinitiative. Durch Patenschaften, Spenden unzähliger Menschen in Stadt und Land, schließlich mit Zuwendungen des Denkmalschutzamtes geschah, sozusagen, das Wunder von Rein ...

Treppauf, treppab leitet mich der Pater. Einmal folgt uns ein Hund. Kehrt um. Pater Gerhard läßt Schlüssel klirren. Ein schlohweißen Raum, die "Winterkirche", nimmt uns auf. Weiß sind die Stukkaturen, Engelheere von Fischer von Erlach. An der Wand das Wappen des jetzigen Abtes: In einem Feld zeigt es einen Ziegelstein. Der Mann war Maurer. Wir wandern den Kreuzgang entlang. Durch dessen gesamte Länge begleiten uns die Blicke ehemaliger Äbte. Jeder Abt von Rein wird nach seinem Tode gemalt und im Kreuzgang den Vorgängern zugesellt.

Über einen Hof gelangen wir zur Prälatur und steigen in die gotische Kreuzkapelle hinunter. Einst war sie Krankenkapelle. Bündelpfeiler tragen das Kreuzgurtgewölbe. In den Glasmalereien der Fenster bricht sich das Licht. Die Scheiben sind Kopien. Die Originale wurden 1925 in Darmstadt entdeckt. Wann und wie sie ins ferne Hessen geraten waren, weiß niemand. Immerhin bezahlte Darmstadt die Nachbildung; gab einzelne Scheiben nach Wien. Nur Rein sah die Kostbarkeiten nicht mehr. "Kein Museum gibt Originale zurück; die Kopien kosten schon genug", erklärt Pater Gerhard – und löst solcherart ein allgemeines Weltärgernis. Wir gehen zum Nordportal, schreiten über nun wieder, barocke Treppen in den Huldigungssaal (Empfangssaal) des Gasttraktes. Hofmaler Josef Amonte ließ seiner Phantasie freien Lauf. "Herse auf dem Weg zum Tempel der Athene" erhascht, etwas verwundert blickend, die "Versöhnung von Jakob und Esau". Im Deckenfresko siegen "Friede und Gerechtigkeit" über in den Orkus stürzende Bösewichter. Dann führt mich der Pater vor eine Vitrine. Sie birgt eine Damenrobe, ein sektfarbenes Krönungsgewand: das