Evolutionsbiologie: Ein Kommentar zum angeblichen "Irrtum des Jahrhunderts" von Ernst Mayr

Unter dem Titel "Darwinismus – Der Irrtum des Jahrhunderts" veröffentlichte das Monatsmagazin "Geo" im Juli 1984 einen langen Artikel seines Redakteurs Uwe George und ein Editorial von Chefredakteur Peter Ebel. Einem Kommentar in der ZEIT Nr. 30 folgte ein Leserbrief von "Geo" (ZEIT Nr. 34). Ernst Mayr, Harvard-Professor emeritus, sandte uns dazu einen Bericht, den wir hier leicht gekürzt veröffentlichen (siehe auch Literaturbeilage dieser ZEIT auf Seite 19).

Seit der Veröffentlichung von Darwins Buch "Die Entstehung der Arten" im Jahr 1859 hat es wohl kaum ein Jahr gegeben, in dem nicht jemand die Widerlegung von Darwins Theorien behauptet hätte. Ein Büchlein von Dennerl ("Vom Sterbelager des Darwinismus", 1903) und das vor kurzem erschienene Buch von Ho und Saunders ("Beyond Neo-Darwinism", 1984) sind typische Beispiele. Sie haben alle eines gemeinsam, nämlich – wie wir das früher in der Schule verspotteten – "ein von keinerlei Sachkenntnis getrübtes Urteil".

Die Veröffentlichungen von Uwe George und von Chefredakteur Peter Ebel in der Zeitschrift Geo vom Juli 1984 unter dem Titel "Darwinis- – mus: Der Irrtum des Jahrhunderts" gehört leider in dieselbe Kategorie. Georges Aufsatz strotzt von Fehlern und Mißverständnissen. Aber was am schlimmsten ist, beide Autoren haben überhaupt nicht gemerkt, daß die jüngsten Kontroversen in den Vereinigten Staaten über Evolutionsprobleme innerhalb der Darwinschen Lehre stattfanden, aber nicht Angriffe gegen Darwin waren. Darwins Grundgedanke, daß Evolution die Folge von Variation und Auslese ist, bleibt völlig unerschüttert. Niles Eldredge, Stephen Jay Goula, Steven Stanley, M. J. D. White und ich selbst, wir alle sind bewußte Darwinisten.

Darwins großartiges Werk von 1859 war natürlich nur ein Entwurf. Trotzdem hat Darwin, mit einer beinahe schlafwandlerischen Sicherheit, bei der Entwicklung seines Lehrgebäudes von den vielen Alternativen fast immer die richtige gewählt.

Das Ausfüllen der riesigen Lücken im biologischen Wissen zwischen 1859 und 1984 hat natürlich zu vielen Fortschritten über Darwin hinaus geführt, aber – mirabile dictu – es hat die Fundamente Darwins so gut wie unberührt gelassen.

In den vierziger Jahren wurden alle Anti-Darwinistischen Theorien (Saltation, Neo-Lamarckismus, autogenetische Theorie usw.) so endgültig widerlegt, daß die Genetiker, Systematiker und Paläontologen sich im großen und ganzen auf eine Evolutionsformel einigen konnten, die von Julian Huxley als die evolutionary synthesis bezeichnet wurde. Verglichen zu dem Turm zu Babel vor 1940 war es eine einheitliche Lehre. In den seitdem verstrichenen vier Jahrzehnten hat es sich gezeigt, daß diese "synthetische Theorie" doch nicht so ganz einheitlich war, wie man erst dachte. Auf die Gefahr hin, das Bild etwas zu sehr zu vereinfachen, werde ich sagen, daß sich allmählich zwei Schulen herauskristallisierten (wohlgemerkt, innerhalb des Darwinismus!).