Geheimnisse und Rätsel sind immer gut, um die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers zu ködern. Einen platten journalistischen Kunstgriff hatte

Adolf Portmann: "Vom Wunder des Vogellebens". Piper-Verlag, München, Zürich, 1984; 219 Seiten, 36,– DM,

aber kaum im Sinn, als er seinem (nachgelassenen) Buch einen Begriff aus der Welt jenseits der Naturwissenschaften vorwegstellte: "Wunder".

Der bedeutende, 1982 verstorbene Basler Biologe betonte Zeit seines Lebens stets die Grenzen und die Vorläufigkeit unseres Wissens. Eine solche Grenze ist zum Beispiel die stammesgeschichtliche Entstehung der Vogelfeder, eines äußerst komplizierten Bestandteils der Vogelhaut. "Für den Flügel als Ganzes vermittelt uns die Art des Entstehens, die Gestaltung von embryonalen Entwicklungsstadien, einen Schimmer des Verstehens, wie das Gebilde geworden sein könnte", erklärt Portmann. "Keine solchen Spuren sind für Feder und Gefieder bekannt, wie klar auch alles darauf hinweist, daß Reptilien die Ahnen der Vögel gewesen sind... Das Geheimnis des erdgeschichtlichen Werdens dieses erstaunlichen Hautgebildes ist ungelöst."

Portmann geht sogar noch einen Schritt weiter, den viele Biologen wohl nicht machen wollen: "Angesichts des gestaltlichen Reichtums und des sinnvollen Baus der fertigen Feder zögern die Versuche des Denkens, eine Geschichte zu ersinnen, wo kein Lichtschimmer einer Vorstellungskraft ungefähr den Weg weisen kann."

Die fertige Vogelfeder ist nicht nur fürs Fliegen gut und für den Wärmehaushalt unentbehrlich. Sie bestimmt auch wesentlich das Erscheinungsbild des Vogels. "Wer tiefer in den Aufbau des Gefieders hineinblickt, der wird gewahr, welch bedeutenden Anteil am Gesamtbild der Federstruktur die ganz besonders dem ‚Erscheinen‘ dienenden Eigenschaften haben", schreibt Portmann. "Farben und Muster zu schaffen, das ist die Aufgabe. Sie ist in ihrer Weise ebenso bedeutungsvoll wie die so viel mehr beachtete des Fliegens."

Solche Überlegungen verhelfen dem Leser des sehr gut illustrierten Vogelbuches nicht nur zu einem kurzweiligen, aber fundierten Einblick in das Leben der Vögel. Sie erschließen auch die heute vielleicht mehr denn je diskussionswürdige Gedankenwelt Adolf Portmanns.

Regina Oehler