An sich macht das Lesen literarischer Texte ebensowenig einen Sinn wie das Schreiben derselben. Natürlich hat jeder Leser und Schreiber einen Sinn parat, seinen eigenen, und das ist auch gut so. Aber nicht jeder Mensch ist Leser oder Schreiber, will es sein oder kann dazu gemacht werden. Warum auch? Das Lesen und Schreiben von Fiktionen ist eine historisch junge und lange für moralisch anrüchig gehaltene Beschäftigung gewesen, ehe die bildungs- und das heißt bei uns ausschließlich buch- und textgläubigen Mittelschichten das Sagen bekamen. Die Strahlen der kulturellen Zentralsonne ruhten auf Lesern und Schreibern und verwandelten sie in etwas, das der harte Kern nie war, in Heilige. Heute, wo sich die Strahlen trotz verbissener Anstrengung aller gesellschaftlichen Leitstellen nicht mehr so bündeln lassen, weil es noch andere Angebote gibt, klärt sich dieser Irrtum auf. Warum lesen und schreiben und nicht singen und tanzen zum Beispiel? Oder fernsehen?

So ist die Lage. Und da machen Leser und Schreiber, vielleicht sind es ja auch immer falsche, die sich öffentlich äußern, den schweren, ja tödlichen Fehler, ihr kaputtes Monopol durch das Anziehen moralischer Schrauben zu festigen. Es gibt aber nicht mehr viele einschüchterungsbereite Leser, Kinder und Jugendliche sind schon lange nicht mehr darunter, die sich aus Prestige-Rücksichten zum Lesen eines dickeren Buches verleiten lassen. Und Schreiber, die ihre Arbeit unter Hinweis auf den allgemeinen Sinn des Kunst- und Sprachkampfes verwerten wollen ... Ja, das Problem erledige ich für mich privat und zugegeben sehr persönlich durch die konsequente Anwendung von Zensurmaßnahmen. Sie folgen zwei Sätzen, die ich zwei Schreibern (vom Jahrgang 1924 und 1954) abgelernt habe:

1. Der/die ist berechtigt/nicht berechtigt zu schreiben. – 2. Gut schreiben kann heut jede(r) Blöde. Sie glauben nicht, wie ich, selbst ein Opfer des alten Buch- und Bildungsglaubens, inzwischen aufräumen kann, nachdem ich die kalte Frage: "Muß das sein?" – schon gar als Roman, noch schlimmer: als Gedicht, wieder mal negativ beantwortet habe. Und den Rest besorgt die Einsicht, daß Kinder aus gutem Hause auch im erwachsenen Zustand gutes Deutsch mit einem Sinn für Nuancen und kulturellem Prestige praktizieren. Beide Schreiber, und das kann schon kein Zufall mehr sein, der Name Elfriede Jelinek sollte in diesem Zusammenhang und auch sonst nicht fehlen, und ich habe es mir zur Lehre dienen lassen (denn ich folge den Dichtern), sehen furchtbar gern fern und ausgiebig zudem. Das tue ich nun auch, so oft ich will und die Zeit dazu habe, und sorge mich überhaupt nicht mehr um mein kulturelles Seelenheil. "Da haben Sie mich aber mißverstanden", höre ich einen Schriftsteller im Hintergrund einwenden, "Literatur soll auch Spaß machen, wir wollen ja grade weg von der Belehrung und kindertümlichen Herablassung...." Wenn ich das höre, wird mir schlecht. "Soll Spaß machen" – jeder Leser zwischen acht und achtzig – eine Minorität, gewiß, aber dafür habe ich von Fußball keine Ahnung, kann auch nicht Schach spielen und vernachlässige meine Verwandtschaft – jeder Leser ist, wenn er das hört, beleidigt in seinen Rechten auf Einsamkeit und Freiheit. Das sind die Lesergrundrechte, und ich will doch hoffen, daß heute niemand mehr, wie der kleine Marcel im ersten Band der "Suche nach der verlorenen Zeit" aufs Klo gehen muß, um sie wahrzunehmen?

"An sich für einen spezielleren und niedrigeren Gebrauch bestimmt, diente mir dieser Raum, von dem man aus bis zum Turm von Roussainville-le-Pin blicken konnte, lange Zeit als Zuflucht, zweifellos, weil er der einzige war, in dem ich mich einschließen durfte; dort ging ich allen den Dingen nach, die unverletzliche Einsamkeit erfordern: Lektüre, Träumerei, Tränen und geheime Lust."

Zurück zu Elfriede Jelinek: Lesen, schreiben, fernsehen oder was auch immer, da bildet sich keine Hierarchie ab, das ergibt kein Tagungsthema für irgendeine Akademie, das ist Stoff für Ernst und Spaß von einem Ausmaß und einer Intensität, daß ich Jelineks "Michael – ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft" mir nur Hand in Hand mit einem vertrauten zweiten zutrauen mochte ... Wir haben es uns gegenseitig vorgelesen, dieses Buch übers Fernsehen. Und dann gibt es eins von Dieter Wellershoff, "Ein schöner Tag", das habe ich bis zum heutigen Tage nicht fertig lesen können. Jetzt steht es da und schaut mich an. Echt too much. Ich trau mich einfach nicht. Andererseits gibt es ein Buch, das ich im Abstand von wenigen Jahren immer wieder lese, um an den bestimmten Stellen immer wieder zu weinen, das ist der "David Copperfield" von Dickens ...

"Haben Sie Kinder?" – Die Frage war fällig, schon lange. Meine echte Unbetroffenheit angesichts des doch wahrhaft klassen- und fraktionenübergreifenden Themas Kultur, Literatur, Sprache und, das gibt doch auch Hartgesottenen den Rest, der kulturpolitische pluralis majestatis reicht kr.app aus, um der Sache gerecht zu werden: unsere Kinder! Ja, also diese Unbetroffenheit weist mich unmißverständlich als Unmutter aus, als Unpädagogin, als unverantwortliche Apologetin der Verhältnisse, wie sie nun einmal sind und wie ich sie gern endlich einmal studierte und verstünde, wenn nicht immer so viel dazwischen geredet und herumgefummelt würde.

Also, die Antwort auf die insinuierende Frage von eben lautet: "Nein".