"Die Alchimie und ihre Sprache", von Michel Butor. Vor einem halben Jahr haben wir an dieser Stelle mit einem lachenden und einem weinenden Auge die Wiederveröffentlichung einiger Essays zur Literatur des französischen Schriftstellers Michel Butor begrüßt. Das lachende Auge stand für die ungetrübte Freude des Wiederlesens (vor allem der glänzenden Proust-Aufsätze); das weinende Auge, weil ausschließlich die älteren Arbeiten dieses intelligenten, genauen und neugierigen Lesers in deutscher Sprache zugänglich sind. An unserer Physiognomie hat sich nichts geändert, wenn wir bereits einen weiteren Band mit älteren Essays, ausgewählt aus "Repertoire I – III" und "Aufsätze zur Malerei", ankündigen können, wiederum in der sorgfältigen Übersetzung von Helmut Scheffel: acht Versuche, ohne Schmock und Schnörkel die Künste lesbar zu machen, indem Butor sie zunächst als handwerkliche Hervorbringungen, und erst dann als geistige Phänomene erläutert. Der Band setzt ein mit einer Lektüre alchimistischer Schriften, die als "Suche nach etwas Verlorenem" gedeutet werden; dann folgen vier Essays zur Literatur ("Das Buch als Objekt", "Der Roman als Suche", "Roman und Poesie" und "Individuum und Gruppe im Roman"), die wie Verteidigungsschriften der Literatur konzipiert sind. Es schließt sich an der berühmte Aufsatz über Musik als realistische Kunst und eine Studie über das "Mallarme-Porträt" von Boulez; beendet wird der Band mit einer Betrachtung des amerikanischen Malers Mark Rothko, dessen Kunst für Butor "die Antwort auf eine überfüllte Stadt" darstellt: New Yorks Moscheen. Es ist nun wirklich an der Zeit, auch die neueren Arbeiten dieses unermüdlichen, undogmatischen, unrhetorischen und immer anregenden Autors vorzustellen, der in seinem Musik-Aufsatz sagt: "Die Literatur ist kein Luxus, die Malerei ist kein Luxus. Nein, auch die Musik besteht nicht zur Zerstreuung von Nichtstuern und ist nicht etwas für ‚Liebhaber‘, von dieser Vorstellung mache man sich frei. Die Musik ist unerläßlich für unser Leben, für das Leben von allen, und noch nie haben wir ihrer so bedurft." (Essays zur Kunst und Literatur; Qumram Verlag, Frankfurt, 1984; 174 S., 24,– DM.) Michael Krüger