Berlin: "Die Schaffenden"

Mitten im Krieg eine neue Kunstzeitschrift gründen und sogar durchsetzen: 1915 war das möglich. Paul Westheim gewann den Weimarer Literaturverleger Gustav Kiepenheuer für sein "Kunstblatt" als Forum zunächst der expressionistischen Kunst. "Sie müssen diese Jungen so herausbringen, als ob es Rembrandts wären", hatte van de Velde geraten, und so startete Westheim noch 1918, im Jahr der Auflösung des Kaiserreichs, "Die Schaffenden", eine "Zeitschrift in Mappenform". Vorbildlich im Druck und um der Qualität willen strikt auf eine Auflage von 125 limitiert, enthielt jede der auf vier Ausgaben im Jahr geplanten Mappen zehn signierte Originalgraphiken.

Die erste Mappe versammelt einen Gutteil der wichtigsten Expressionisten – in der damaligen Weite des Begriffs –: Pechstein, Heckel, Mueller, Schmidt-Rottluff, Klee, Feininger, Rohlfs und Paula Modersohn-Becker.

Später nahm Westheim auch unbekannte, junge Künstler hinzu, die sich so neben Kubin und Kokoschka oder den Bildhauern Lehmbruck und Archipenko fanden. Neue Strömungen sind in den "Schaffenden" früh vertreten, so Grosz und Schlichter oder schon 1918 Niklaus Stoecklin, der spätere Schweizer Neusachliche. Im "Kunstblatt" ließ Westheim ja 1922 mit der Umfrage "Ein neuer Naturalismus?" erstmals die nachexpressiven Richtungen umfassend zu Wort kommen.

Die Ausstellung mit allen 120 Blättern der zwölf von Westheim bis Ende 1922 betreuten Mappen, vom in der DDR fortbestehenden Kiepenheuer-Verlag zu seinem 75. Jubiläum angeregt, sollte von Leipzig aus eigentlich den Weg in die West-Berliner Kunsthalle finden. Es kam jedoch – Macht der Valuta – allein der (sehr schöne) Katalog. Die Leihgaben fielen statt dessen wohl unter die derzeitigen Reiseabsagen. Da die Marburger Universität und die Berliner Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz mit ihren Beständen einspringen konnten, besteht hierzulande dennoch die Gelegenheit zur Wiederentdeckung der "Schaffenden". Weniger bekannt als die Mappen von "Brücke" oder "Bauhaus", sind sie eine der bedeutendsten Graphikeditionen der klassischen Moderne in Deutschland. (Kunsthalle bis 15. 11., Katalog 30 Mark)

Bernhard Schulz