Von Michael Voslensky

Jetzt wird sie wieder schweigen müssen – bis zum Tod. Noch im März konnte Stalins Tochter Swetlana im Interview mit dem Observer über ihre Hoffnungen auf eine Liberalisierung des diktatorischen Regimes in der Sowjetunion und auf einen sowjetischen Dubček sprechen. Jetzt wird sie dieses Regime als eine "sozialistische Demokratie" loben und Dubček als den "Verräter am Sozialismus" brandmarken müssen – oder eben schweigen. Schweigend schon hat sie England verlassen: Nachdem sie noch Anfang Oktober pathetisch jede Rückkehr verneint hatte, nahm sie dann von keinem ihrer englischen Bekannten Abschied.

Vor 41 Jahren, im Herbst 1943, habe ich sie kennengelernt. Noch im Spätsommer hörten wir, Studenten der Historischen Fakultät der Moskauer Universität, das Gerücht: Swetlana Stalina soll unsere Kommilitonin werden. Niemand glaubte daran. Es schien uns grotesk, daß Stalin, dieser Gott und Idol, seine Tochter, die Kronprinzessin, zu uns bettelarmen, frierenden und hungrigen Studenten der Kriegszeit schicken würde. Doch im September wurde es aktenkundig: In der Liste der Neuimmatrikulierten lasen wir verdutzt den Namen "Stalina Swetlana Iossifowna".

Ich erinnere mich an das junge Mädchen mit schüchtern gesenktem Kopf, rothaarig, Sommersprossen und klugen hellen Augen im Gesicht. Ich suchte den Seminarraum der Erstsemester-Gruppe und fragte dieses Mädchen danach. Sehr höflich bot sie mir an, mich hinzuführen. Plaudernd stiegen wir in den zweiten Stock, wo sie mir die Tür der Aula zeigte und sich freundlich verabschiedete. Erst danach erfuhr ich, daß meine hilfsbereite Begleiterin Swetlana gewesen war.

Das kluge, taktvolle Mädchen hatte in ihren Gesichtszügen keine Ähnlichkeit mit dem über uns regierenden, grausamen Diktator. Sie verstand es – was ungeheuer schwer war –, den Unterschied zwischen ihr, Stalins geliebter Tochter, und uns, seinen ungeliebten Sklaven, zu verwischen. Sie schämte sich, daß ein Leibwächter, "Onkel Mischa", ihr auf Schritt und Tritt folgte – in den Hörsaal und bis zur Tür der Toilette. Swetlana bat den Vater flehentlich, sie von dem NKWD-Mann zu befreien, und Stalin gab nach. Dann kam die strahlende Swetlana allein, zu Fuß vom Kreml in die Schule, in der wir unsere Fakultät hatten (das Universitätsgebäude war ausgebombt worden).

Nicht selten ging ich mit ihr nach Vorlesungsschluß die Herzen-Straße hinunter. Mir gefiel dieses Mädchen, das, wie ich empfand, Schwierigkeiten hatte, im Hause des Despoten zu leben – der sie umgebende Luxus jedenfalls schien sie nicht zu blenden. Sie sprach oft über Literatur und Kunst – selbständig, nicht mit abgedroschenen offiziellen Phrasen. Es war merkwürdig, mitten im Krieg von der Tochter des obersten Befehlshabers zu hören, sie gehe ungern ins Theater, da man dort "nur Krieg spielt und schießt". Wir schlenderten zusammen bis zum Kreml, dann ging sie mit Stalins zu essen, und ich – reihte mich in die Schlange vor der Uni-Mensa ein.

Natürlich unterschied sich Swetlana von uns: Keine Bescheidenheit vermochte die krassen sozialen Kontraste im realen Sozialismus zu überbrücken. Abgemagert, schäbig gekleidet, kamen wir aus unseren ungeheizten Zimmerchen zur Universität – und trafen dort die rosige Swetlana, in englische Kostüme mit dezent kolorierten Seidenblusen gekleidet, in ihrem auffälligen Pelzmantel oder dem dunkelblauen taillierten Mantel mit grauem Persianerfell geschmückt. Es war uns kaum begreiflich, daß sie auf ihr Stipendium (das ihr als guter Studentin zustand) und sogar auf Lebensmittelkarten verzichtete – auf das einzige, was uns noch am Leben erhielt.