Von Wolf Jobst Siedler

In dieser Woche erhält in Trier der Berliner Verleger Wolf Jobst Siedler den Friedrich-Karl-Schinkel-Ring, den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Er wurde ausgezeichnet, nicht zuletzt, weil er in dem Buch "Die gemordete Stadt", das vor 20 Jahren erschien, auf städtebauliche Fehlentwicklungen hingewiesen hat. Aus dem immer noch gültigen Buch drucken wir leicht gekürzt das Kapitel "Abschied von Ninive" ab.

Merkwürdigerweise hat man noch nicht beachtet, daß Europas heraufziehende Zivilisationsfeindschaft zeitlich mit dem Triumph des Bauernmöbels zusammenfällt. Als die friesische Anrichte im Bürgersalon die Empire-Konsole ersetzt, wird auch in der politischen Welt der Haß auf die Stadt eine Macht. Der halbindustriell gefertigte Worpsweder Bauernstuhl und der in Heimarbeit bemalte Tiroler Dielenschrank halten gleichzeitig mit den Parolen der Völkischen in die Wohnungen der Kulturmüdigkeit Einzug.

Dabei fällt auf, daß um die Jahrhundertwende der Stadt von allen Seiten her der Kampf angesagt wird: Von rechts drängt der Bauernroman gegen die Stadtliteratur, von links Vorformen der Gartenstadt gegen das Häusermeer. Die Grunewalder Bankiersvilla im englischen Landhausstil ersetzt das Tiergartenhaus, das ein Schinkelsches Stadtpalais sein wollte: Man wird rustikal, in der Politik wie im Meublement.

Es ist ziemlich gleich, ob der Industrielle in der Halle einen Bauern-Kamin hat oder der Turnlehrer im Garten die Sonnenwendflamme; beides signalisiert ein gewandeltes Verhältnis zum Städtischen. Das Vokabular der Großstadtbevölkerung erweitert sich in Richtung auf Flachland und Alpen: Tornister, Wandervogel, Gamaschen, Kochgeschirr, Stecken, Lagerfeuer sind die Wörter, in denen sich die Stadtmüdigkeit artikuliert. So zieht das Jahrhundert herauf, das mit Kanonaden und Motorisierungen das Gesicht der städtischen Zivilisation bis in die Tiefe zerstören wird, wobei es in diesem Betracht belanglos ist, ob am Ende Ruinenfelder oder Schnellstraßensysteme stehen.

In den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts wird der Klimawechsel greifbar, wo immer der Blick hinfällt. Der Vorplatz am Haus wurde eben noch durch eine Veranda ummauert und also eingegrenzt und abgesichert; dieser Veranda entsprach am abgelegeneren Ende des Gartens das steinerne Teehäuschen, in dem die Teilhabe an der Natur verstädtert wurde. Zehn Jahre später ist an die Stelle der verglasten Veranda die offene Terrasse getreten, und für den Teepavillon kommt der Liegestuhlplatz auf offener Rasenfläche auf.

Es versteht sich, daß solche Detailbeobachtungen nur dann von Relevanz sind, wenn der erkannte Vorgang als Symptom verstanden wird. Das soll auch für die Feststellung hinsichtlich des Urlaubsideals gelten, das zwischen 1890 und 1910 aufschlußreichen Wandlungen unterworfen ist: Die strohgedeckte Fischerkate in Prerow wird plötzlich der Traum von Schichten, die eben noch in Gastein oder Nizza mit Hotelpalästen unbekannte Fischerorte in Ersatz-Großstädte verwandelten. Die widerstädtische Mentalität prägt sich überall aus. Das ist um so seltsamer, als zu den ältesten Ruhmestiteln des Menschen gehört, daß er ein Stadtgründer ist. Voller Rührung betrachtet wir, über Münzsammlungen gebeugt, jene dringlichen Versicherungen, daß der münzprägende Herrscher ein "Gründer von Städten" gewesen ist: Dies also war gleich wichtig wie die Veranstaltung einer Feldschlacht.