Wenn einer sein Leben lang auf Reisen ist, vergrößert sich für ihn mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit, daß er auch in der Fremde – die in ihrer Unbestimmtheit und Anonymität seine Heimat wurde – stirbt. Fritz Morgenthaler "startete" (wie er das nannte) in Zürich meistens nur "durch", auf seinen verwegenen Fahrten nach Kuba, China, Indien und Pakistan, in den Jemen oder in die Länder "seines" Kontinents Afrika, den er einmal als junger Mann mit seinen lebenslangen Freunden Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy für sich entdeckte.

Anfänglich als Neugieriger auf andere Kulturen und professionell als Ethnopsychoanalytiker, dann immer mehr als Maler, durchquerte er die Kontinente und war am glücklichsten, wenn er davon berichten konnte, wie er mit "den jungen Leuten" reiste und sprach. Seiner emotionalen Verführung als großer Geschichtenerzähler aus den Wirklichkeiten und Phantasien von 1001 Nacht konnte sich keiner entziehen. Wie Michaux war er ein Vertrauter der Turbulenzen des Endlichen – und Unendlichen. Wie Michaux der große Dichter war, den man vielleicht mehr als Maler in Erinnerung behalten wird, so war Morgenthaler der geniale Analytiker, der Jongleur werden wollte und zumindest ein guter Maler wurde. Wollte er die Absurdität des menschlichen Lebens illustrieren und genügte ihm dazu nicht die eigene Erfahrung, erzählte er zum Beispiel die Geschichte von dem Langstreckenläufer, dem das Publikum zurief: "Oskar, größere Schritte und öfters!"

Seine letzten Reisen führten ihn nach Nicaragua, mit Mario Erdheim nach Ecuador, mit seinen Söhnen und anderen Ethnologen nach Neuguinea, um das in den Gesprächen Erfahrene mit dem "dritten Ohr" ethno-psychoanalytisch richtig zu verstehen. In diesem Jahr veröffentlichte er seine Analysen Homosexualität, Heterosexualität, Perversion und bereitete sein Traumdeutungsbuch vor. Jetzt starb er als 65jähriger in Äthiopien, bei dem Versuch, einem Freund zu helfen. Dieser stets gesunde Mann mit dem weißen Haar, einer sanften Stimme im privaten Gespräch und einer erregten Stimme in den Vorträgen, mit seinen ewig blauen Hemden, Hosen, Jacken und diesem wunderbar verschlissenen Mantel "aus anderen Zeiten", den auch Rimbaud in Äthiopien bei anderem Klima hätte tragen können, erlag plötzlich einem Herzinfarkt – und als Arzt und Empiriker schaute er noch im Sterben auf das EKG. Sein Leben war ein Tanz auf dem Vulkan, und seine Welt setzte sich zusammen aus "Bildern aus 49 Ländern", wie eine seiner letzten Ausstellungen hieß. In maßloser Verschwendung seiner Kräfte lebte er jugendlich – zu altern war ihm eine grausige Vorstellung.

Kein Psychoanalytiker, der entschiedener dem Ideal einer selbstkritischen und unangepaßten Theorie und Praxis lebte, der sich radikaler den Vereinnahmungen und Normen unserer Gesellschaft entzogen hat und dabei ein leidenschaftlicher und, nach Freud, der begabteste Traumdeuter war. Vor der seine Kollegen in Zürich und in ganz Italien, wo er in den letzten Jahren kontinuierlich Traumseminare abhielt, werden seine Ideen weitertragen.

Für immer verloren der Freund, der jeden Brief mit einem gemalten Löwen "unterschrieb". Keiner von uns wird je wieder Löwengrüße von FM bekommen. Wie der Tod alles verändert: jetzt werden auch die trauern, die unter seiner unheimlichen Präsenz und der Prägnanz seiner Deutungen litten; nie habe ich jemanden erlebt, der so stark war und so wenig mächtig sein wollte, der die selbstsichersten Menschen mit seinem unbeirrbaren Blick so verunsicherte – und zuweilen lähmte. Wer dann wieder zu seinen eigenen Bewegungen fand, fühlte sich wie nach bestandener Prüfung für Freischwimmer.

Nach dem Tod von Alexander Mitscherlich und Heinz Kohut ist mit Fritz Morgenthaler einer der bedeutendsten Psychoanalytiker der nachfreudschen Generation gestorben. Es bleibt zu hoffen, daß die Jüngeren ihr "Unbehagen an der Psychoanalyse" konstruktiv umsetzen in eine Praxis, die den Verlockungen gesellschaftlicher und medizinisch-technokratischer Anpassung entgeht.

Hans-Jürgen Heinrichs