Von Horst Krüger

Indem ich darüber nachsinne, was es denn sein könne, wird mir bewußt, was für eine wunderliche und deutlich abartige Natur ich offenbar bin. Wer wird es glauben? Des Morgens jedenfalls bringt mich überhaupt nichts in Rage. Ich bin die Sanftmut in Person und nehme alles hin, gelassen.

Rotampeln beim Durchqueren der Stadt zum Beispiel begrüße ich morgens dankbar als Augenblicke der Besinnlichkeit oder doch wenigstens als Kunstpausen, um den Sicherheitsgurt anzulegen, nun doch. Saure Milch mit geschwindeltem Verfallsdatum ist mir – offen gesagt – zeitlebens nie hochgekommen, ich meine: aus meinem Kühlschrank. Und was die morgendliche Zeitungslektüre anlangt, so kann ich als Frankfurter nur sagen: die FAZ ist ganz untauglich als Wuterreger. Auch sie fördert bei mir wie die Rotampeln eher den Geist der Bedenklichkeit: Ach so – so kann man das auch sehen?

Es sind ganz unverkennbar die Abende erst, die das Quantum kritischer Masse manchmal in blanke Wut umschlagen lassen, bei mir. Beim Fernsehen zum Beispiel. Ich schalte da manchmal zur besseren Information, was mich erwartet, die köstliche Kurzsendung des ZDF "Ihr Programm" ein. Da sitzt dann (nicht immer, aber doch oft) ein zartes, ungemein blondes Ding, meist noch von einem herrlichen Blumenstrauß verschönt. Das leckere Kind, indem es mit seinem süßen Mäulchen vorfabrizierte Texte abliest, beweist mir immer wieder, daß es keine blasse Ahnung von den Programminhalten hat, die so übel nicht sind. "Ja, und dann um 22 Uhr 10 haben wir noch etwas ganz besonders Schönes für Sie vorbereitet", haucht das Kind mit himmlischem Augenaufschlag, "wir bringen einen Bericht über den bekannten und beliebten Schriftsteller, der schon in den dreißiger Jahren..." Und ob das nun Feuchtwanger, Werfel oder Klaus Mann ist, diese holde Unschuld vom Lande Rheinland-Pfalz serviert noch die ernstesten Zeitschicksale wie einen Lutschbonbon. Erwachsene Menschen werden wie Kleinkinder betüttelt: Und wenn ihr schön artig seid, bekommt ihr nach Mitternacht auch noch einen Krimi. Es geht um blutrünstige Geschichten aus Transdanubien, verheißt das Kind in einem Ton, der erschröcklich-witzig sein soll. Mir dreht sich dann der Magen um. Ich bin erzürnt. Ich frage: Weiß die überhaupt, wo Transdanubien liegt?

Die Moderatoren vom heute journal vergrämen mich auch öfters. Es gibt wenige Profis, die ihr schwieriges Handwerk verstehen. Es gibt andere, die regen mich einfach auf. Die einen machen es zu smart, die anderen zu tiefsinnig, will mir scheinen. Die Smarten: sie sind so jung, so frisch und plaudern fröhlich los. Locker vom Hocker pendeln sie durch das Weltgeschehen, das doch eher grausig ist in Wirklichkeit –, nicht für sie. Einer von ihnen, der durch solide Maßanzüge und kreisrunde Schokoladenplätzchenaugen ausgesprochen sympathisch wirkt, hockt dabei tatsächlich manchmal auf einer Tischkante. Er läßt die Beine etwas baumeln. Seine erstklassige Bügelfalte läßt Weltläufigkeit erkennen. Und wie er dann das blutige Tagesresümee zieht: wie er von den Widerstandskämpfern in Afghanistan auf das abgasfreie Auto von morgen kommt – Klasse, kann ich nur sagen. Nie ist er um eine treffliche Bemerkung verlegen. Der Junge steht wirklich über dem Weltgeschehen.

Den Gipfel der Weitläufigkeit erreichen meine Telegötter dann immer am Ende der Sendung. Irgendwie muß jetzt ein Übergang zum Wetter gefunden werden. Feinste Bezüglichkeiten empfehlen sich jetzt. Eben noch plauderte mein Gott vom jüngsten Literaturskandal um Thomas Bernhard in Wien. Jetzt hebt er ein klein wenig die eine Augenbraue und sagt bedeutungsvoll: "Auch das Wetter von morgen mag manchem wie ein Skandal erscheinen." Er lächelt feinsinnig: "Nur im äußersten Norden wird sich die Sonne kurzfristig zeigen." – So viel perfekte Banalität ist für mich zum Aus-der-Haut-fahren. Jetzt bin ich in Fahrt. Quatschköpfe, denke ich: hochbezahlt.

Da lobe ich mir meine Frau Wurster. Wer ist Frau Wurster? Jedermann kennt sie aus nämlichem heute-journal-Team. Ich aber liebe sie auf meine heimtückisch-innige Weise. Wenn Frau Wurster dran ist als Moderator, werde ich immer hellwach. Denn sie ist das andere Extrem. Sie hockt nicht auf einer Tischkante. Sie läßt keine Beine baumeln. Streng und ernst sitzt sie wie eine deutsche Volksschullehrerin der dreißiger Jahre hinter ihrem Medien-Katheder und erzieht die Nation, hochmoralisch. Sie weiß einfach alles besser. Die Stärke von Frau Wurster ist ihre immerwährende Betroffenheit. Sie ist betroffen davon, daß die Bankzinsen in Amerika noch immer zu hoch sind und klärt die Nation auf mit ein paar Sätzen, die zwar falsch, aber sehr bestimmt sind. Ihr journalistisches Gewissen ist unbestechlich. Es schaudert mich manchmal bei so viel moralischer Kompetenz. Wo weiß die das alles so unerhört bestimmt her?

Und ich? Ich muß in solchen Augenblicken statt an die Bankzinsen in Amerika immer an die Kinder von Frau Wurster denken. Sicher hat sie zwei oder drei Halbwüchsige zu Hause? Arme Kinder, denke ich. Herbes Schicksal, Telegötter als Eltern zu haben. Ich drehe dann einfach ab und spüre, wie groß und frei die Welt wird für mich Gottlosen.