Von Gottfried Sello

Grünewald und kein Ende. Wenn es nicht um den Maler des Isenheimer Altars ginge, wäre der ihm gewidmete publizistische Aufwand unverständlich. Dabei ist es weniger das Werk als die Person des Malers, seine Biographie, die, weil die Fakten spärlich und die Dokumente widerspruchsvoll, zumindest vieldeutig sind, diese unübersehbare Flut von wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Untersuchungen veranlaßt hat.

Wer war der Mann, den wir Grünewald nennen, weil Joachim von Sandrart in seiner "Teutschen Academie" von 1675 ihn als "Mattaeus Grünewald, sonst Matthäus von Aschaffenburg genannt" in die Literatur einführte? Sandrart klagt alsdann, daß "dieser ausbündige Malter Mathis von Aschaffenburg unter allen den besten Geistern der alten Teutschen...dermaßen mit seinen Werken in Vergessenheit geraten ist".

Heute sind die Werke weltbekannt, ihr Schöpfer, der ausbündige Maler Mathis dagegen ist noch immer die rätselhafteste Gestalt in der deutschen Kunstgeschichte, trotz aller Bemühungen, Licht in das Dunkel um Grünewald zu bringen. Walter Karl Zülch stieß bei seinen archivalischen Forschungen auf den Maler und Wasserkunstmacher Mathis Nithart oder Gothart, den er, nach seinem besten Wissen, mit Sandrarts Matthäus oder Matthias Grünewald identifizierte. Seitdem ging man davon aus, daß Grünewald in Wahrheit Mathis Gothart Nithart geheißen habe, und änderte dementsprechend in den Museen den Namen unter den Grünewaldbildern.

Bis auch diese These wieder in Frage gestellt wurde, erst von dem Historiker Hans Jürgen Rieckenberg, neuerdings von Wolf Lücking. Lücking ist Professor für Photographie an der Berliner Hochschule der Künste und bekam den Auftrag, für die Wiederauflage des Grünewaldbuchs von Wilhelm Fraenger das Œuvre in vielen Details neu zu photographieren. Bei dieser Arbeit sah er sich mit einer Fülle von Problemen konfrontiert, mit Fragen der Signatur, der Datierung, der Zuschreibung, die ihm ein gründliches Studium der Literatur, aber auch der Urkunden und Nachrichten über Grünewald abverlangten.

Das Ergebnis seiner jahrelangen Bemühungen ist eines der seltsamsten und originellsten Bücher, die je über den Maler des Isenheimer Altars geschrieben wurden –

Wolf Lücking: "Mathis – Nachforschungen über Grünewald"; Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin 1984; 272 S., 184 Abb., 88,– DM.