Was Mama tut, was Papa kann: Hat sich am Rollenbild in Schulfibeln noch immer nichts geändert?

Nein, über die Verinnerlichung von Texten aus der Schulfibel sowie deren prägenden Einfluß auf spätere weibliche Lebenspläne haben wir keine gesicherte Erkenntnis. Allemal muß die Wirkungsweise solcher früh konsumierten Literatur wunderbare Wege gehen. Wie könnte es sonst angehen, fragen wir uns, daß viele beruflich erfolgreiche Frauen ihre bildsamen Phasen mit der Lektüre von "Giesel und Ursel" verbracht haben oder über "Puckis" durchsonntem Lebensweg.

Dennoch kann es uns natürlich überhaupt nicht gleichgültig sein,woraus unsere Töchter Honig saugen. Die Rede ist von Schulbüchern für den Deutschunterricht, und wie sie jetzt aussehen. Nach harscher Kritik hatten sich seinerzeit Herausgeber darangemacht, die Geschlechterrollen dann neu darzustellen. Über die Jahre hin hat uns das Schulbücher beschert, die auf den ersten Blick ganz schön anders aussehen: Männer thronen nicht mehr patriarchalisch über der verschreckt gehorchenden Familie, sondern backen vereinzelt Pfannkuchen für die Kinder. Mädchen klettern auf Bäume, haben Spielideen, die die ganze Kindertruppe weiterbringen, und sind manchmal sogar deren Anführer – was nach dem Erscheinen von Pipi Langstrumpf auf der literarischen Szene nicht mehr direkt ein revolutionärer Akt ist.

Schön und gut, könnten wir sagen, hätten nicht Pädagogen im Auftrag der Hamburger Leitstelle, Gleichstellung der Frau, dem ersten ein paar wesentlich gründlichere Blicke folgen lassen. Von wegen, legt ihre Untersuchung den Schluß nahe, im Kern hat sich nichts geändert im deutschen Schulbuch, nicht genug. Von einer zeitgemäßen Darstellung der Rolle der Frau könne überhaupt keine Rede sein, was ja nach zwanzig Jahren problematisierten Umgangs mit dem Frauenbild ein ziemlicher Schlag ist. Natürlich geschieht die Benachteiligung nicht mehr nach so grobem Strickmuster wie früher. Genaugenommen machen die Pädagogen ihre Kritik weniger an den vorhandenen Texten fest als an dem, was sie vermissen. So fehlen Beiträge von Autorinnen, die beschreiben, wie Frauen die Welt erleben, entdecken, in Besitz nehmen. Je älter die Schülerinnen werden, so haben sie ausgezählt, desto weniger weibliche Leitfiguren bietet ihnen die Deutschstunde.

Lücken werden auch bei den Kleinen ausgemacht. Gehen wir mal mit den Schulbuchpädagogen davon aus, daß die Texte an der Wirklichkeit der Kinder ansetzen sollten, so müssen manche von den Schülern wohl heftig blättern, bis sie sich darin wiederfinden. Sie haben keine berufstätigen Eltern, die, sei es begeistert, sei es genervt, mal von ihrem Tag erzählen. In der Regel kommt der Vater am Abend nach Hause, und immer steht freundlich die Mutter in der Tür, wenn sie klingeln. Sie ist lieb, aber irgendwie, da folgen wir den Autoren des Berichts, ist sie einfach zu viel mit dem Einkaufen beschäftigt, um eine wirklich aufbauende Identifikationsfigur zu sein.

Natürlich gehen die untersuchenden Pädagogen nach Art von Gutachtern auf der heißen Spur des Trends äußerst wachsam vor und entdecken dabei auch Unterdrückungen nach dem Rollenschema, die arglosere Beobachter nicht so eng gesehen hätten. So ist uns der diskriminierende Charakter, der in der Wortfolge Vater/Mutter/Kind oder auch Hahn/Henne/Küken schlummert, nie so richtig aufgegangen. Da ist zum Beispiel das Gedicht an ein dickes Mädchen namens Elvira. Man kann es, so schillernd ist das Leben, als heitere Liebeserklärung für jemanden lesen, der den Aufschwung am Reck nicht schafft und trotzdem emotional richtig liegt, oder aber auch als typische Festlegung auf "die hausfraulichen Qualitäten, verbunden mit der Bereitschaft zur Passivität".

In der "Bunten Fibel" ist uns die fröhliche, "sorglos lebende, rundum zufriedene" Mutter nicht weiter aufgefallen. Wer weiß, wozu es gut ist. Womöglich – bayerische Politiker fordern bereits entschieden eine positivere Darstellung der Familie – sitzen jetzt Schulbuchmacher zusammen und fragen sich im kleinsten Kreise, ob sie der "Liebe, Güte und Zärtlichkeit, den besonderen Merkmalen der Mutter" (CDU-Sozialausschüsse), genügend Raum gegeben haben. Wer weiß.

Ulla Plog