Das Glück ist in Norwegen keine abstrakte Idee. Es setzt sich aus Holz, Gras, Fels und Salzwasser zusammen, und es läßt sich genau lokalisieren. Das norwegische Glück liegt mindestens zwei Stunden von der nächsten Großstadt entfernt am Fjord. Sein Tempel ist eine möglichst alte Sommerhütte mit Blick auf den Schärengarten. Vor der Tür stehen die Gummistiefel der Familie einträchtig auf der Matte. Grün und abgewetzt müssen sie sein. Der schmale Weg, der zum Bootsplatz hinuntergeht, führt an einem baufälligen Schuppen vorbei, in dem die Angelruten stehen, neben einem alten Motor, einem Gartentisch mit rostigen Werkzeugen und einem Regal voller Ölfarben. Draußen liegt ein vergessener rot und weiß getupfter Gummiball im Gras, der Apfelbaum trägt eine Schaukel, und im Hackstock steckt die Axt, mit der das Kaminholz gespalten wird. Niemals kämen die Bewohner auf die Idee, die alte Kochplatte, die alte Seifenschale, das alte Radio mit dem magischen Auge fortzuwerfen. Auf dem Bücherbord schlummern die Gedichte von Wildenvey, eine dreibändige Geschichte der norwegischen Eisenbahnen und das Who’s who von 1949. In der Ecke liegt ein wunderlich geformtes schwarzes Futteral, und wer es öffnet, findet darin das Waldhorn eines längst dahingeschiedenen Blasorchesters. Die Sonne scheint auf den abgetretenen Afghan-Teppich, der vielleicht ein Erbstück ist. In dieser bukolisch-asketischen Idylle steht die Zeit still.

Mein Gastgeber zieht an der alten Pfeife. Er hat, wie viele seiner vernünftigen Landsleute, das Rauchen vor Jahren aufgegeben. Vom Strand hört man das entfernte Tuckern eines Bootsmotors und das beruhigende Geschrei der Kinder.

"Ach ja",sagt mein Gastgeber, "die Industrie!", und mit dem Daumen preßt er mechanisch den blonden Tabak in die Pfeife. "Wir können sie nicht ausstehen. Das ist die Wahrheit. Aber bitte zitiere mich nicht. Meine Parteifreunde haben es nicht gern, wenn man die Katze aus dem Sack läßt. Die königlich-norwegische Sozialdemokratie versteht in dieser Frage keinen Spaß. Und schließlich habe ich selber das Maul reichlich voll genommen, damals, nach dem Krieg, im Namen der siegreichen Arbeiterklasse, als gelernter Marxist. Wir werden das Land aufbauen, haben wir gesagt, die Schlote müssen rauchen, eine anständige Schwerindustrie, das ist die Zukunft. Aluminium, Kunstdünger, Chemie, Stahl und Eisen, Ferrolegierungen, Siliziumkarbid, was weiß ich! Elektrifizierung, Planwirtschaft und Sozialismus. Ein heroisches Zeitalter. Aber heute sehe ich ein, daß wir auf dem Holzweg waren."

"Wieso denn? Eure Wachstumsraten waren schwindelerregend. Ich kann mir keine Zahlen merken, aber es ist doch völlig klar, daß euer heutiger Wohlstand auf den Leistungen dieser Nachkriegszeit beruht."

"Natürlich. Eine drehbuchreife Erfolgsgeschichte. So steht es ja auch in allen Schulbüchern. Vor siebzig, achtzig Jahren war Norwegen ein peripherer Rohstofflieferant, eine zurückgebliebene Region. Ein Wirtschaftshistoriker hat es, glaube ich, so ausgedrückt, daß wir eine Art Sizilien am Polarkreis waren. Und heute zerbrechen wir uns den Kopf darüber, wie und wo wir unsere Überschüsse anlegen sollen. Wir unterhalten uns damit, uns über die Verteilung des Kuchens zu streiten und können uns außerdem noch ein köstlich schlechtes Gewissen leisten."