Von Ernst Klee

Bücher über das evangelische Pfarrhaus, reihen geradezu lustvoll die Namen prominenter Pfarrerssöhne auf. Vor allem die Aufzählung schreibender Pfarrhauskinder wirkt imponierend. Da werden Bürger, Claudius, Gellert, Gotthelf, Gryphius, Hesse, Hölty ("Üb immer Treu und Redlichkeit"), Lenz, Lessing, Lichtenberg, Jean Paul angeführt, um das Pfarrhaus als "Keimstätte der Begabungen" darzustellen. Im Begabten-Katalog fehlt der von der Kanzel sonst eher geschmähte Friedrich Nietzsche nicht. Auch Gottfried Benn wird gerne vorgezeigt, wenngleich seine Verse in Pfarrhäusern mitunter noch immer tabu sind.

In einer 1939 gedruckten Broschüre "Was für Männer gab das evangelische Pfarrhaus dem deutschen Volke?" weist der Autor rund zweihundert Pfarrerssöhne (und einige Enkel) nach, die als bedeutend gelten. Zum illustren Kreis der damals als biologisch wertvoll Eingestuften gehören so gegensätzliche Pfarrkinder wie Albert Schweitzer ("Ehrfurcht vor dem Leben") und Karl Peters, der als Ostafrika-Eroberer die Schwarzen niedermetzeln ließ. Auch Turnvater Jahn und Horst Wessel ("Die Fahne hoch...") zählen dazu. Selbst Goethe wird fürs Pfarrhaus vereinnahmt: wenn auch kein Pfarrerssohn, so sind unter seinen Vorfahren doch "Bürgermeister 13, Metzger 12, Pfarrer 11 ..." Daß das Fleischerhandwerk vor der Geistlichkeit rangiert, wird vornehm ignoriert.

Selbstgefällig wird der Psychiater Ernst Kretschmer, ein schwäbischer Pfarrerssohn, zitiert, der Pastorenfamilien als Zentren "deutscher Geniezüchtung" gesehen haben soll. Eine Sichtweise, die sich – modifiziert – bis heute erhalten hat. Das protestantische Standardwerk "Die Religion in Geschichte und Gegenwart": "Die im Pfarrhaus lebendige Kultur ließ Pfarrerssöhne auf vielen Gebieten des geistigen Lebens große Bedeutung erlangen." Bedeutsam sind die indirekten Wirkungen, "die das Pfarrhaus durch seine Söhne auf unsere Kultur ausübte." Von Pfarrerstöchtern ist nicht die Rede.

"Die Geschichte des deutschen Pfarrhauses ist auf weite Strecken hin die Geschichte der deutschen Intelligenz", heißt es selbstzufrieden im Vorwort des Buches "Das evangelische Pfarrhaus", das eine "Kultur- und Sozialgeschichte" verspricht. Der Sammelband (mit zahlreichen Wiederholungen und Mehrfachzitierungen) stellt das Pfarrhaus als "Prototyp des bildungsbürgerlichen Hauses" vor. Einer der Autoren versteigt sich sogar zu der theologisch kühnen Behauptung (von einer Bausparkasse gesponsert?): "Das Reich Gottes erwächst aus dem Haus." Ob der Wanderprediger Jesus von Nazareth in den Bürgerchor einstimmen würde? Er meinte von sich selber: "Die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester; der Sohn des Menschen dagegen hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann."

Einige Korrekturen zum liebevoll gehegten Pfarrhaus-Idyll sind angebracht: Das evangelische Pfarrhaus ist letztlich ein Produkt der Sünde, ein Versuch der Reformation, der zum Ärgernis gewordenen Unzucht der Geistlichkeit zu wehren. Pfaffen, die eigenhändig oder durch ihre Konkubinen ("Seelenkühe" genannt) Branntwein ausschenken und den Ehefrauen der Bauern nachsteigen, haben das Ansehen auf einen Tiefpunkt sinken lassen. Besuchskontrollen (Visitationen) bei den Pfarrern ergeben ein düsteres Bild: "Er hat eine Dirne und Kinder", heißt es lakonisch in einem der Visitationsberichte aus dem Jahre 1526. Nicht wenige der Seelenhirten sind zur Heirat gezwungen worden, damit das weibliche Kirchenvolk vor ihrem Liebesleben geschützt würde.

Luthers Pfarrhaus (er hatte eher widerstrebend geheiratet) gilt als Ur- und Vorbild des Pfarrhauses, obgleich weder sein Haus noch die Theologen seiner Umgebung für die Zeit typisch sind. Seit Luther gilt das Pfarrhaus als fruchtbar, doch die Kinder werden eher ohne Lust gezeugt: Für den Ex-Mönch, im Geiste augustinischer Lustverachtung erzogen und die sexuellen Verwirrungen des geistlichen Standes vor Augen, dient die Ehe der Triebbändigung. Sie kanalisiert die "schändliche Brunst", denn bei der ehelichen Sexualität sieht Gott "durch die Finger".