ARD, Montag, 12. November, 23.00 Uhr: "Im Zeichen des Löwen" von Eric Rohmer

Ein erfolgloser Musiker irrt durch das sommerlich ausgestorbene Paris auf der verzweifelten Suche nach Geld, Arbeit und einer Bleibe. Schritt für Schritt registriert die Kamera, wie die Stadt ihn verändert und wie sich in seinen Augen die Stadt verändert. Am Ende ist Paris – wie eine Stadt, der die Menschen fehlen – eine bloße Anhäufung von Steinen und der Musiker, nachdem er alle Merkmale verloren hat, die ihn als ein Mitglied der Gesellschaft auswiesen, nur noch ein Fremder, ein Clochard.

Dieses triste Paris in Eric Rohmers Debüt "Im Zeichen des Löwen", in dem die Menschen sich als Isolierte und Entfremdete bewegen, war Ende der 50er Jahre der Hauptschauplatz des europäischen Kinos. Hier wurde auch Jean-Paul Belmondo in "Außer Atem" durch den Schuß eines Polizisten niedergestreckt, irrte Jeanne Moreau in "Fahrstuhl zum Schafott" über die nächtlichen Champs Elysées. Hier hatten sich die Regisseure dieser Filme in den Redaktionsräumen der legendären Cahiers du Cinéma, deren Chefredakteur Rohmer fünf Jahre lang war, getroffen und zu einer Gruppe zusammengefunden, die jener Zeit als Nouvelle vague nicht nur das französische Kino revolutionierte.

Doch im Gegensatz zu den Debüts seiner Kollegen hatte Rohmers Film, der durch die eingespielten Gelder aus Chabrols ersten beiden Filmen finanziert, mit unbekannten Schauspielern an Originalschauplätzen gedreht wurde, wenig Erfolg beim Publikum und ist heute eigentlich vergessen.

In Erwartung einer großen Erbschaft lebt der amerikanische Musiker Pierre Wesseirin über seine Verhältnisse. Doch die reiche Tante hat ihn enterbt, und so verliert Wesselrin seine Kreditwürdigkeit, wird aus einem Hotel nach dem anderen herausgeworfen und muß auf Parkbänken schlafen. Erst als er geschlagen auf dem Asphalt liegt und sich von einem Clochard anleiten läßt, selbst einer zu werden, wendet sich das Schicksal. Der eigentliche Erbe ist verunglückt und Wesseirin nun doch ein reicher Mann. Das klingt nach der üblichen Kinogeschichte, in der die Mißgeschicke des Helden das Happy-End vorbereiten, das bei Rohmer jedoch keines ist, sondern vielmehr nur der endgültige Beleg für die Vorherbestimmtheit des Schicksals.

Obwohl er, im Zeichen des Löwen geboren, eigentlich ein Eroberer ist, scheint Wesselrins Leben durch eine höhere Macht bestimmt. Das Verhängnis geht nicht nur von der Gesellschaft, sondern (wie bei Chaplin) häufig von Dingen aus. Der Defekt eines Schuhs wird zur Tragödie. Die Suche nach einer Schnur, um ihn wieder zusammenzuhalten, zur Überlebensfrage. Jede kleine Geste stimmt, so daß der Zuschauer auf die Steine wütend wird, an denen Wesselrin sich die Füße wundläuft, oder auf den wohlfrisierten Pudel, dessen Kläffen ihn hindert, ein Brot zu klauen. Die belanglosen Dinge verlieren ihre Alltäglichkeit, erhalten Tragweite – als sähe man sie zum ersten Mal.

Als Kritiker schrieb Rohmer einmal über Rosselini, jener mache die Realität durchsichtig mit Mitteln, die er dem Realen entlehne. Er zerstöre den etablierten Bezug von Zeichen und Idee und lasse so etwas Neues entstehen. Dies gilt sicher auch für seine eigenen Filme. Rohmers Debüt deutet schon an, was seine Filmarbeit auszeichnet: Die Sensibilität für Licht und Großstadtatmosphäre, die intellektuell verspielte Ironie und die literarischen Dialoge.