Von Klaus Viedebantt

Dieser Anekdote kann man kaum entgehen, wenn man die Frankfurter auf ihre "Freßgass" anspricht: Die Baronin Mathilde von Rothschild, mit 76 Millionen, Goldmark eine der reichsten Frauen ihrer Zeit, pflegte eigenhändig und höchst mißtrauisch einzukaufen, vorzugsweise bei den Lebensmittelhändlern der Freßgass. Von dieser Marotte konnte vor allem der Gemüsetandler ein Lied singen, wies ihn doch die Baronin harsch an, die Champignons "ohne die Dutt" auszuwiegen. Den Gewichtsverlust durch die Tüte wollte die Bankierswitwe keinesfalls hinnehmen.

Ob die Geschichte wahr ist, mag dem Forscherdrang der Lokalhistoriker überlassen bleiben. Wahrscheinlich ist sie durchaus. Die Rothschilds, überaus spendable und hilfsbereite Mitbürger, zeigten sich auch im Kleinen stets als gute Kaufleute – so, wie es in Frankfurt üblich war. Es war auch durchaus nicht außergewöhnlich, daß die feinen Herrschaften bisweilen auf die Dienste der Domestiken verzichteten und selbst einkaufen gingen.

In der Stadt der Kaiserkrönungen – einem höchst republikanischen Gemeinwesen – gab es "uff de Gass" keine Standesunterschiede. Schon gar nicht in der Freßgass, die Frankfurts beliebtester Einkaufstreff ist, seit sich Metzger, Bäcker und Viktualienhändler in dem kurzen Straßenzug zwischen Alter Oper und dem heutigen Rathenauplatz ansiedelten. So lange, wie mancher Frankfurter im Vertrauen auf angeblich uralte Gewohnheiten glauben mag, ist das übrigens noch gar nicht her. Erst vor gut hundert Jahren entstand das nahrhafte Ensemble, als die Metzger Erlaubnis erhielten, vom Domplatz weg und zum Schweinemarkt hin zu ziehen. Aber der Standort war nicht nur des "Säuplätzi", des Schweinemarkts wegen, sehr attraktiv. Die Straße führte auch hinüber zum Westend, zum noblen Wohnquartier der Reichsstadt. Da ließen sich gute Geschäfte erwarten, selbst wenn die Herrschaften keine Tüten auf der Waage duldeten.

So populär der Name "Freßgass" am Main auch ist, offiziell wurde er nie sanktioniert, allen Bürgerbemühungen zum Trotz. Vor einigen Jahren Heß sich die sture Stadtverwaltung wenigstens einen Kompromiß abhandeln. Seither hängt das Straßenschild "Freßgass" zusätzlich zur offiziellen Bezeichnung an den Pfosten. Es sind, was viele Frankfurter nicht wissen, zwei Straßen, die sich zur Freßgass’ vereinen. Die "Große Bockenheimer Straße", die breit vom Opernplatz daherkommt, verkrümelt sich bei einem kleinen Platz im unteren Straßendrittel als dünnes Gäßchen nach rechts zwischen die Häuser – eine Art Wurmfortsatz, wenig belebt und in einer Haustordurchfahrt kläglich endend. Der breite Flanierboulevard, der an dem Plätzchen weiter in Richtung Hauptwache führt, trägt den Namen "Kalbächer Gasse". Wie gesagt, das weiß kaum einer. Aber das ist auch ganz unwichtig, weil jeder die Freßgass kennt und auch der Postbote solch volksnah adressierte Briefe zielgenau zuträgt. Und außerdem hat schon mal ein Frankfurter verbindlich festgestellt, daß Name Schall und Rauch sei.

Wie es sich für eine berühmte Einkaufsstraße gebührt, ist die Freßgass, seit sie diesen Namen trägt, auch eine allererste Adresse für Klatsch und Tratsch. Familiengeheimnisse aus allen Winkeln der Stadt wurden auf diesem Markt ebenso gehandelt wie Kraut und Kirschen, Wurst und Wecken. Einige Anwohner aus jener Zeit, da noch Wohnungen statt der heutigen Büros über den Läden waren, trugen das ihre zum Stadtgespräch bei, vor allem Künstler, die sich in dem wackeren Kommerzdistrikt recht wohl und bohemehaft fühlten.

In aller Munde war vor dem Krieg die Geschichte vom Kunstmaler Fritz Boehle und seiner Hose. Des Künstlers Mutter hatte einen kleinen Kurzwarenladen am Säuplätzi. Die ordentliche Bürgersfrau ärgerte sich immerzu über die alte Hose ihres Sohnes. Zum Geburtstag tauschte sie das gammelige Beinkleid kurzerhand gegen ein neues aus. Sie zog sich damit aber, wie bald die ganze Freßgass wußte, den gewaltigen Zorn ihres Musensohnes zu.