Das Säuplätzi konnte sich indes auch mit einem modebewußten, wohlansehnlichen Nachbarn schmücken: mit dem "Stern von Rio". Ein gleichnamiger Film machte die 1905 geborene Tänzerin La Jana, die (allerdings nicht unter diesem Namen) in der Freßgass aufwuchs, zum bewunderten Star ihrer Zeit. Selbst der Kronprinz buhlte um sie. "Sie begann ihre Laufbahn im Ballett der Frankfurter Oper, und ihr Ruhm war so kurz wie ihr Leben", nieß es in der Frankfurter Neuen Presse. Eine Lungenentzündung, eingefangen bei einer Theater-Tingeltour, ließ sie bereits 1935 sterben.

Kunst und Bürgersinn gingen in der Gasse eine enge Bindung ein: "Wenn die Chefin nachmittags mit hoher Frisur an der Kasse stand, wußte man: Aha, heute abend geht’s ins Theater", heißt es in einer Frankfurter Chronik. Folglich gab es auch immer heftige Auseinandersetzungen um die mehr oder minder künstlerische Ausgestaltung der Straße. So, als der Merkurbrunnen weichen mußte (er steht heute im Messegelände), so, als die Stadt im Nachkriegstaumel daran ging, aus der Gasse eine Stromlinienpiste für den mächtig aufkommenden Autoverkehr zu schlagen. Damals, in den späten fünfziger Jahren, hatte man im Zeichen der Nierentisch-Ästhetik mit jenen alten Bauten nicht viel im Sinn, die das Kriegsinferno überstanden hatten, Die Abrißkolonnen sorgten für saubere Lösungen, und ein Metzger stellte ein Schild ins Fenster: "Die Freßgass, die muß sterwe, bald liegt se hier in Scherwe." Heute bemüht sich die Stadtregierung, die vor ihrem Rathaus das Mittelalter mit Fachwerkhäuschen aus der Retorte wiederherstellte, um die Scherben, die von der alten Freßgass geblieben sind. Längst haben die Stadtväter eingesehen, daß die Verkehrs-Direttissima ein Fehler war – die Freßgass ist heute autofrei.

Wer Frankfurts Baupolitik kennt, wer sich in der neuen Fußgängerzone auf der Zeil (Deutschlands umsatzstärkster Straße) ödet, der wundert sich, daß die Freßgass eine vergleichsweise gelungene Fußgängerzone wurde. Die Platanen, der vermuteten Klimaresistenz wegen eigens aus den Dolomiten herbeigekarrt, tun ihre Pflicht und verdecken wenigstens im Sommer die häßlichen Fassaden. Die stadteigenen, nicht gerade gesäßfreundlichen Sitze wurden von vorausschauenden Gastronomen mit einladendem Biergartengestühl ergänzt. Selbst das absatzfeindliche Rauhpflaster aus bayerischen Steinbrüchen (streckenweise mit Mörtel verfugt) hat wider Erwarten keinen negativen Einfluß auf den Absatz der hier versammelten Kaufleute genommen.

Es sind allerdings längst nicht mehr nur Handelsmänner für Gaumenfreuden, die sich in der Freßgass drängeln. Die gute Lage zog alle Branchen an. Die Wirte und Viktualienhändler sind heute in der Minderheit, mit Brezeln und Blutwurst sind die horrenden Mieten längst nicht mehr zu erwirtschaften. So wundert es denn auch nicht, daß die verbleibenden Lebensmittelhandlungen ausnahmslos der Delikateß-Preisklasse zuzuordnen^sind. Alte Frankfurter räumen aber, ein, daß es schon immer etwas teurer war, in der Freßgass einzukaufen. Dafür sei die Ware aber auch stets frisch und erstklassig gewesen. Das ist bis heute so, ob bei Feinkost Plöger (der "Käfer" von Frankfurt), beim "Spanischen Garten" mit seinen appetitlichen Obstpyramiden oder beim Metzger Weiss, der einst für stadtbekannte Aufruhr sorgte, als er sein zierliches Puppenhäuschen, das einzige der alten Art in dieser Gasse, in schrillem Gelb-Blau anstreichen ließ. Er mußte zwar die Farben dämpfen, trat damit aber eine dringend notwendige Diskussion über die Fassadenpflege in Frankfurt los.

An Diskussionen mangelt es in der Freßgass ohnehin nicht. Ein Dauerbrenner ist es, wie sich die kleinen Läden gegen die angeblich erdrückende Übermacht der Boutiquen wehren können (obwohl die elegantesten Boutiquen in der parallelen, aber gesichtslosen Goethestraße angesiedelt sind) und wie man sich gegen die Kettenunternehmen mit Hamburgern und ähnlichem Schnellfutter abgrenzen könne. Noch haben McDonald’s und Co. nicht Fuß gefaßt, aber die deutsche Fischerei dient unter verklappungsträchtigem Firmennamen bereits Fischbuletten an, und auch die reuigen 400-Gramm-Röster bieten alles feil, was mit ihrem ursprünglichen Geschäftszweck nicht die Bohne zu tun hat.

Wenngleich diese Neulinge in der angestammten Kaufmannschaft (oder dem, was davon übrig blieb) bisweilen scheel angesehen werden, so weiß man doch, daß sie Leute anziehen. Und Leute sind immer potentielle Kunden. Aber allzu leutselig soll es auch nicht zugehen, das zeigt sich, wenn auf der Freßgass wieder einmal Rummel ist und eigens aufgestellte Buden mit Würstchen und Apfelwein der ansässigen Gastronomie die Esser abspenstig machen. Auch diese Debatte ist jedoch verstummt, seit die Freßgass-Gastronomen ihrerseits Freiluftreviere zugemessen bekamen.

Seither ist die Gasse an schönen Tagen ein Laufsteg der Eitelkeiten, der es sogar verstanden hat, dem Kaffeehaus an der wiedererstandenen wilhelminisch-pariserischen Alten Oper, dem "Café Wichtig (Volksmund), die Kundschaft mit dem gespreizten kleinen Finger ein wenig abspenstig zu machen. In der Freßgass zeigt sich, wer gesehen werden will. Doch man muß schon auf der Höhe der Trends bleiben, wenn man hier nicht übersehen werden will. Gegen die bizarren Edelpunk-Erscheinungen der neuen Stadtkultur, die alle Opas mit goldenen Autoschlüsseln im weit aufgeknöpften Hemd wie Fossile erscheinen lassen, wirken die Kulturgüter aus dem Städtischen Kunstetat geradezu bieder.

Vergessen ist, was es einst für eine Spießer-Revolte gab, als die feistärschige steinerne Nackte als "moderne Kunst" und gegen den Volksgeschmack in die Freßgass gezerrt wurde. Diese "Liegende" von Willi Schmidt ist längst zur geliebten Liegenschaft geworden, und ihre Hinterbacken schüren kaum noch Empörung und provozieren nur noch selten Farbbeutel-Attentate. Marita Kraus konnte von den Pioniertaten ihres Bildhauerkollegen profitieren, denn als ihre grobbehauenen steinernen Köpfe aufs Pflaster gesetzt wurden, forderte kaum noch einer, daß nun in der Stadtverwaltung Köpfe rollen sollten. Jetzt rollt nur noch der Rubel.