Im Normalzustand ist die Demokratie ein geschäftiges Unternehmen, in dem sich, wie Tocqueville unbarmherzig anmerkte, viele Streber tummeln, aber nur wenig großes Streben sich findet. Es herrscht das Gleichmaß und der mähliche Fortschritt. Die aufregenden Experimente, mit denen sich Gefühl und Phantasie beschäftigen können, finden immerzu anderswo statt. In letzter Zeit lagen die Sehnsuchtslande arg weit weg: erst im kleinen Vietnam und im großen China, danach in Chile und schließlich in dem von einem übermächtigen Amerika geduckten Nicaragua.

Wer sich immer wieder auf die Reise begeben muß, verliert am Ende aber an Schwung und Aufbruchsgeist. Und wo der Enthusiasmus angeknackst ist, muß schon einmal ein bißchen diabolische Freude an der Provokation herhalten. Der ehrwürdige Helmut Gollwitzer hat am Wochenende bei einer Nicaragua-Kundgebung wenig Federlesens gemacht: Ronald Reagan, so der Berliner Theologe, stehe in einer Reihe mit Hitler, Stalin und Pinochet.

Das sind Ablenkungsmanöver. Nicaragua löst nicht so viele Emotionen aus wie vordem Vietnam. Wohin in aller Welt soll man sich wenden, wenn Nicaragua erst einmal kein Thema mehr ist? Dann bleibt nichts anderes mehr, als geschäftig dort mitzumischen, wo sich die vielen Streber tummeln. Heimat, bald hast du sie alle wieder.

G. S.