Jahrelang stagnierte das Geschäft mit Reiseführern auf Videokassette. Jetzt versuchen drei renommierte Buchverlage einen zweiten Anlauf.

Der erste Elektroschock kam vor zwei Jahren, aber er saß nicht sehr tief: Ein halbes Dutzend Firmen brachte eine Handvoll Videokassetten auf den Markt, die ausschließlich Urlaubsländer und -regionen präsentierten. Qualitativ waren die meist 30minütigen 16mm-Streifen nur durchschnittlich; inhaltlich unterschieden sich die Beiträge kaum von den frohen Werbebotschaften der Fremdenverkehrsämter. Folglich können die Produzenten nur mit kümmerlichen Verkaufszahlen aufwarten; die Kassette "Thailand – Land der Freien" gilt mit bislang verkauften 400 Kopien als Verkaufshit.

Der zweite Elektroschock kam zur Frankfurter Buchmesse und verdient wesentlich mehr Beachtung. Denn erstmals stiegen Unternehmen in den Markt ein, die das Geschäft mit dem Urlaub beherrschen: der Münchner Bruckmann Verlag, DuMont in Köln sowie Hoffmann und Campe in Hamburg.

Die Bayern, spezialisiert auf Literatur über Alpinismus, blieben ihrem Metier treu und starteten mit vier Titeln unter dem Label "Bergsteiger Videothek". Die jeweils einstündigen Kassetten "Traumberg Matterhorn", "Der Heilbronner Weg", "Faszination Montblanc" und "Der Bocchette-Weg" kosten 98 Mark und sind nur über den Buchhandel erhältlich. Wenn die Idee ankommt, und davon sind die Münchner überzeugt, sollen pro Jahr drei bis vier Neuerscheinungen folgen, zunächst zum Thema "Skitouren". Ebenfalls im Fach bleiben die Kölner, mit 550 Titeln wohl Marktführer im Kunstbuch-Bereich. "Die hundert Meisterwerke des Louvre" heißt ihre erste, zweiteilige Kassette, die vom 22. November an für 180 Mark zu kaufen ist. Die bereits erworbene Kassette "Rom, Zentrum abendländischer Kunst und Geschichte" wird dagegen nicht erscheinen; abgelaufene Rechte zwangen die Kölner zum Rückzug. Dafür gibt es im Frühjahr ein Videoband über das Prado-Museum in Madrid sowie im Herbst eines über ägyptische Dynastien.

Hoffmann und Campe schließlich, der dritte im Bunde, kommt sofort groß heraus: Drei Titel sind bereits produziert, drei in Vorbereitung (New York, Schweden, Schleswig-Holstein), vier weitere pro Jahr geplant. Trotzdem scheint das Risiko eines Flops gering, denn die Hanseaten setzen bei ihren Videos auf große Namen. So werden alle Filme von populären Moderatoren kommentiert: Rudi Carell wurde für die Premierenkassette "Holland" gewonnen; "Osterreich" wird von Elmar Gunsch präsentiert, und bei "London" ist ARD-Korrespondent Karl-Heinz Wocker nicht nur Sprecher, sondern auch Autor.

Zusätzlicher Reiz: Neben nützlichen Informationen, wertvollen Tips und verlockenden, unterhaltsamen Bildern erfährt der Käufer der einstündigen Kassetten (Preis 69,90 Mark in allen drei Videosystemen) auch Kritisches: Bei "Holland" zum Beispiel, daß die Umweltbelastung dem Urlaubsland schwer zu schaffen macht und daß Amsterdam nicht nur eine Idylle aus Grachten und Backstein ist, sondern auch die Weltmetropole der Fixer und Dealer.

Und dennoch: Herkömmliche Reiseführer können durch die bewegten Videobilder nicht ersetzt werden, schon deswegen nicht, weil sie nicht wie ein Buch aus der Tasche zu ziehen sind. Deswegen gilt wohl für alle, was der DuMont-Verlag für sich in Anspruch nimmt: "Video soll nicht als isoliertes Medium das Buch ersetzen, sondern durch seine speziellen Qualitäten die gedruckten Informationen plastisch ergänzen und so den Rückgriff auf das Buch verstärken. Rainer Henning