/ Von Ulrich Schiller

Raleigh (Nordkarolina), im November

Die Todeskandidatin hatte wählen dürfen – Gas oder Giftspritze. Margie Velma Barfield entschied sich für das Gift. Zwar hatte bei der Beratung über die Art der Exekution einer der Abgeordneten im Bundesstaat Nordkarolina beanstandet, die Injektion "versüße" die Todesstrafe, doch war es bei der tödlichen Alternative geblieben. Anschließend befand einer der vier Journalisten, die medienproportional nach Rundfunk, Fernsehen, Zeitung und Agentur als Zeugen der Hinrichtung am vergangenen Donnerstag ausgewählt worden waren: "Ich war überrascht, wie friedvoll das ablief."

Die Mörderin Barfield hatte auch wählen dürfen, was sie zur Hinrichtung anziehen wollte. Sie entschied sich gegen die Gefängniskluft und für ihren baumwollenen Pyjama. Kaum ein Vorausbericht über die Hinrichtung in Raleigh unterschlug dem Publikum denn auch, daß die 52jährige Großmutter dem Tod im rosa Schlafanzug begegnen würde. Pflichtschuldig berichtete ein anderer der vier Reporter, ein Stück des Pyjamas sei immer noch zu sehen gewesen, obwohl die auf einer Bahre festgeschnallte Velma Barfield bis zum Hals mit einem grünen Tuch zugedeckt gewesen sei.

Der Fall der mehrfach überführten Mörderin war achtmal in die Berufung gegangen. Fünfmal war die Vollstreckung des 1978 ergangenen Todesurteils verschoben worden. Am 27. September hatte es der Gouverneur des Staates, James Hunt, endgültig abgelehnt, von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch zu machen. Zur Begründung führte er Recht, Gerechtigkeit, Abschreckung und den Umstand an, daß Velma Barfield ihre Opfer auf besonders grausame Weise zu Tode gequält habe. Sie hatte ihnen Arsen in den Tee oder auch ins Bier gegeben, dem Verlobten zum Beispiel, ebenso der eigenen Mutter und zwei weiteren alten Menschen, die sie eigentlich pflegen sollte; höchstwahrscheinlich hatte sie auf diese Weise auch den ersten und den zweiten Ehemann umgebracht.

Vier Morde hatte Velma Barfield zugegeben, dabei jedoch geltend gemacht, ständig unter Einwirkung ärztlich verordneter, wenn auch übermäßig genommener Valiumpräparate gestanden zu hab en, als Teenager vom Vater sexuell mißbraucht und von der Mutter im Stich gelassen worden zu sein. Das schwere persönliche Schicksal der Mörderin mochte manches erklären, zu entschuldigen waren ihre Taten nicht. Aber hätte nicht zu Buche schlagen können, daß Velma Barfield im Gefängnis zu einer wiedergeborenen Christin, zu einem Musterhäftling geworden war?