In Mannheim zeigte sich, daß die Linken in der HBV noch nicht verstummt sind

Es ist ruhig geworden um die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV). Beim 11. ordentlichen Kongreß, der in dieser Woche in Mannheim stattfindet, stehen Sachthemen im Vordergrund. Da geht es um wirtschafts- und beschäftigungspolitische Probleme, um Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte, um die soziale Beherrschung des technischen Wandels und um die Verkürzung der Arbeitszeit. Die Zeit des großen Streits ist offensichtlich vorbei.

Vor vier Jahren war das noch ganz anders. Damals wurde die „Nobel-Gewerkschaft“, wie die reine Angestelltenorganisation im Jargon der Kollegen vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) flapsig tituliert wird, von internen Auseinandersetzungen geschüttelt.

Drei Vorstandsmitglieder, darunter der 1. Vorsitzende Heinz Vietheer, verließen damals die zerstrittene Führungsmannschaft, zwei weitere Mitglieder der Spitzencrew schieden aus Altersgründen aus. Die Folge: Praktisch die gesamte Führung mußte neu besetzt werden. Überdies hatten in den Monaten zuvor mehrere hauptamtliche Funktionäre die Organisation unter spektakulären Umständen verlassen. Einige von ihnen ließen sich sogar demonstrativ von der Konkurrenz, der Deutschen Angestellten Gewerkschaft, anheuern.

Direkt oder indirekt standen all die schlagzeilenträchtigen Ereignisse im Zusammenhang. Es ging darum, ob die HBV „kommunistisch unterwandert“ war und ob die Vertreter der dogmatischen Linken zunehmend Politik und Handeln der Organisation beeinflußten. Im Düsseldorfer Hauptquartier der Gewerkschaft wies man solche Vorwürfe zwar energisch als „gezielte politische Diffamierung und üble Verleumdung“ zurück. Doch so einfach ließen sich die Gerüchte nicht vom Tisch wischen. Alle Versuche, die internen Querelen beizulegen, blieben zunächst erfolglos.

HBV-Chef Heinz Vietheer hatte offensichtlich nicht die Kraft, die zerstrittenen Kollegen wieder unter einen Hut zu bringen. Der ständige Krach, das gegenseitige Mißtrauen, das eine kontinuierliche, sachliche Arbeit schließlich fast unmöglich machte, rieben ihn auf. Er warf das Handtuch, „aus gesundheitlichen Gründen“, wie es offiziell hieß.

Als Günter Volkmar 1980 zum Nachfolger Vietheers gewählt wurde, trat er also ein schweres Erbe an. Die Probleme waren längst nicht gelöst. Und der bisherige zweite Vorsitzende mußte mit einer ganz neuen Mannschaft ans Werk gehen; einer Mannschaft zudem, in der die Generation der knapp Vierzigjährigen die Mehrheit stellte. Mancher Gewerkschafter im DGB mochte denn auch nicht recht glauben, daß es dieser Führungscrew gelingen könnte, die HBV wieder in den Griff zu kriegen.

Heute, vier Jahre später, sind die Skeptiker verstummt. Günter Volkmar und seine Kollegen haben es geschafft, die HBV aus den Schlagzeilen zu holen und zu sachlicher Arbeit zurückzubringen. Obendrein kann der Vorstand mit einem Mitgliederzuwachs glänzen, um den ihn gewiß viele der Schwesterorganisationen im DGB beneiden.

In den letzten vier Jahren konnten immerhin etwas mehr als 26 000 neue Mitglieder gewonnen werden. Zwar hat die HBV einen Organisationsbereich von insgesamt 3,5 Millionen Beschäftigten im privaten Dienstleistungsgewerbe. Angesichts dieser Größenordnung ist die Zahl von derzeit rund 360 000 Mitgliedern gewiß nicht sonderlich imposant. Die IG Metall mit einem nur geringfügig größeren Arbeitnehmerpotential bringt es auf 2,5 Millionen Organisierte.

Aber so weit wird es die HBV vermutlich ohnehin nie bringen. Zum einen ist sie eine sehr junge Arbeitnehmervertretung, die erst 1949 entstanden ist und keine Verankerung in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts hat. Zum anderen muß sie ihre Gefolgschaft vornehmlich aus Angestellten rekrutieren. Die aber stehen Gewerkschaften seit jeher sehr viel skeptischer gegenüber als die Arbeiterschaft, die zur traditionsreichen Basis der IG Metall und anderer Industriegewerkschaften gehört. Und mit den white collers, den „weißen Kragen“, haben auch diese Organisationen ihre Sorgen. In allen siebzehn DGB-Gewerkschaften, klagte DGB-Chef Ernst Breit in seiner Rede vor den HBV-Delegierten, seien von insgesamt 7,7 Millionen Mitgliedern nur 1,7 Millionen Angestellte. Dabei könnten es, meint Breit, gut und gerne fünf Millionen sein.

Für die HBV freilich sind die Schwierigkeiten der Rekrutierung obendrein ganz besonderer Art. Viele der Beschäftigten im Handel, einem ihrer wichtigsten Organisationsbereiche, sind Teilzeitkräfte. Und deren Interesse an gewerkschaftlicher Betätigung ist noch geringer als das der Vollbeschäftigten. Ein weiterer Problemkreis sind die Bankangestellten, die schon immer etwas konservativer waren und – wenn überhaupt – eher der gemäßigten Interessenvertretung der DAG zuneigten.

Das Bankengewerbe sorgte denn auch in diesem Jahr wieder für Schlagzeilen um die HBV. Die Gewerkschaft, die auch heute noch der Gruppe der linken Organisationen innerhalb des DGB zugerechnet wird, verlangte die Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Zwar brachte die HBV zum erstenmal eine nennenswerte Zahl von Bankangestellten für diese Forderung zu Warnstreiks auf die Straße. Aber am Ende mußte sie sich geschlagen geben. Die DAG setzte sich mit ihrem Konzept des früheren Ruhestands durch.

Bis heute hat die DGB-Organisation den Tarifvertrag noch nicht unterschrieben. Von der Möglichkeit der Frühpensionierung machen unterdessen allerdings auch ihre eigenen Mitglieder fleißig Gebrauch. Betriebsräte und Mitglieder der Tarifkommission, weiß die Konkurrenz zu berichten, sind da keine Ausnahme. Dennoch, die internen Auseinandersetzungen um diese Schlappe halten sich in Grenzen. Bei der HBV, so ein Gewerkschafter, ist derzeit alles „eitel Sonnenschein“.

Ganz so ist es nun freilich nicht. Bei den Wahlen des Vorstands wurde deutlich, daß der innere Friede so sicher denn doch nicht ist. Der Unmut machte sich an Jochen Fürbeth Luft, jenem Mitglied des Vorstands, das für Verwaltung und Personal zuständig ist. Er wurde nur mit knapper Mehrheit gewählt. Offiziell wird ihm Zentralismus und allzu straffe Führung vorgeworfen. In Wahrheit aber zeigte die Debatte, daß die Linken in der Organisation eben doch nicht verstummt sind. Erst die Entscheidung über den Nachfolger von Günter Volkmar wird zeigen, ob die HBV wirklich die Wirren der Vergangenheit überwunden hat. Erika Martens