Schlaraffenland

Von Wolfram Siebeck

Wenn ich in meiner Lokalzeitung eine Überschrift lese wie "Einbrecher stahl Würste, Wein und Schnaps", zucke ich unwillkürlich zusammen. Fällt der Verdacht nicht zuerst auf mich? Werden nicht alle Nachbarn denken: Das war der Siebeck?

Daß solche Reaktion nicht ganz von ungefähr kommt, beweisen die Bücher, die ich zur Besprechung kriege. Taucht das Wort Schlaraffenland im Titel auf: Schickt’s dem Siebeck! So liegen jetzt zwei Bücher vor mir, die beide fast den gleichen Titel haben –

"Schlaraffenland", von Dieter Richter; Eugen Diederichs Verlag, Köln, 1984; 224 S., 32 DM

Martin Müller: "Das Schlaraffenland", Edition Brandstätter, Wien/München, 1984; 240 S., 49,80 DM.

Obwohl beide gleich dick sind, ist das zweite doppelt so groß und hat dreimal so viele Illustrationen wie das erste. Der Text besteht in beiden Büchern zum größten Teil aus Zitaten.

Das Schlaraffenland, wer wüßte es nicht, ist eine Art Reservat für faule Vielfraße. Dort gibt es alles, was gut schmeckt, kostenlos und in unbegrenzten Mengen. Man gelangt in dieses Schlaraffenland, indem man sich mühsam durch einen Breiberg frißt. Wie man wieder hinauskommt, wird leider nirgendwo beschrieben. Wahrscheinlich überhaupt nicht. Es handelt sich wohl eher um einen eßbaren Gulag, eine ideologische Falle, in die die Arglosen mit schönen, also primitiven, Versprechungen gelockt werden, wo sie nur verdauen und nicht mehr denken müssen. Für viele mag so das Paradies aussehen.

Schlaraffenland

Dabei war das Schlaraffenland keineswegs eine Ausgeburt machiavellistischer Demagogen, sondern der Wunschtraum von Hungernden und Armseligen – was allerdings auf das gleiche herauskommt, da kluge Demagogen immer die Wunschträume der Armen als Tarnung für ihre Fallen benutzen. (Dr. Goebbels: "Keiner soll hungern und frieren!")

Mit Feinschmeckerei, um endlich auf den Punkt zu kommen, hat das Schlaraffenland herzlich wenig zu tun. Diese sanktionierte Völlerei für jedermann ist erstrebenswert nur in den Phantasien der Hungernden: eine Utopie, die zwar im Entwurf funktioniert, in der Realität jedoch – wie alle Utopien – nur Bauchgrimmen verursacht.

Beiden Autoren dient das Land, wo Milch und Honig fließen, als Anlaß für eine gründliche Dokumentation über Herkunft und Variationen des Schlaraffentraumes. Sie untersuchen das Phänomen soziologisch, weisen auf religiöse Motive hin und durchstöbern historische und literarische Archive mit einer Ausdauer, wie sie einem Trüffelsucher im Périgord wohl anstünde. Daß dabei alle Arten von kulinarischen Zitaten (von Hans Sachs, Goethe, Rabelais, Heine und vielen anonymen Autoren) für das Thema Schlaraffenland vereinnahmt werden, schadet dem Thema nicht, ermüdet höchstens den Leser.

Kulinarik heute bedeutet für uns selektives Essen; Qualitätsbewußtsein ist an die Stelle des ständig kochenden Breitopfes getreten. Unser Traum vom kulinarischen Glück hat nicht mehr die Tafel der Könige zum Ziel, sondern orientiert sich an Restaurantführern wie dem "Guide-Michelin". Wir wünschen uns die Tauben nicht mehr vorgebraten und auch nicht unbedingt kostenlos; wichtiger ist, daß unsere Genüsse – woraus sie im Einzelfall auch jeweils bestehen – frei sein mögen von Gift und Pestilenz. Wie es aussieht, bleibt auch das ein Wunschtraum wie das Schlaraffenland.

Nicht nur einen Teilaspekt unserer Eßkultur, sondern diese insgesamt untersucht ein anderes Buch –

Claus-Dieter Rath: "Reste der Tafelrunde – Das Abenteuer der Eßkultur"; rororo-Sachbuch, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1984; 16,80 DM.

Der Verfasser zitiert gewichtige Autoren von Brillat-Savarin bis Canetti, läßt Völkerkundler, Strukturalisten und Ernährungswissenschaftler zu Wort kommen. Sein Thema umfaßt schlichtweg alles, was mit dem Umstand zu tun hat, daß wir uns Dinge in den Mund stopfen, um sie herunterzuschlucken. Vom "vernichtenden Zubiß des Essers" ist die Rede und von der Fernsehmahlzeit, vom Gift im Essen und dessen "Inszenierbarkeit als Sozial-Design"; es fehlen weder die Fettecken von Beuys noch "das christliche Pferdefleischverbot".

Also sozusagen ein komplettes Menü aus vielen Gängen, welche, um im Bild zu bleiben, nach den Rezepten der deutschen Wissenschaftsseminare zubereitet wurden. Infolgedessen vermitteln die 327 Seiten eine mächtige Lektüre, deren Sättigungsgrad weitaus größer ist als der kulinarische Genuß, den der Leser angesichts des Themas möglicherweise erwartet.