Arbeitsbedingungen und Arbeitsmoral wandeln sich – aber die meisten Manager haben die darin liegenden Chancen noch nicht begriffen

Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot verdienen." Mit diesem Aufruf zur Erwerbsarbeit wurden wir einst aus dem Paradies vertrieben. Seit neuestem aber weht ein Hauch von Harmonie über der Arbeitswelt, eine neue Ethik wird verkündet: "In Teamarbeit und Offenheit, mit eigener Meinung und mit Fröhlichkeit sollst Du den Computer bedienen ..."

Mit der Feststellung, kommunikative Tugenden und Fähigkeiten seien neuerdings für den Arbeitserfolg wichtiger als die alten Prinzipien Fleiß, Pflichterfüllung, Pünktlichkeit und Unterordnung, hat der Zürcher Sozialpsychologe Gerhard Schmidtchen die Debatte um die Arbeitsmoral von der zu einfachen Fragestellung "Sind die Deutschen faul oder fleißig?" weggeführt. Dennoch bleibt Schmidtchens Analyse auf halbem Wege stecken. Sie suggeriert einen harmonischen Einklang von Arbeitstugenden und Arbeitsstrukturen, weil sie nicht unterscheidet zwischen den Ansprüchen der Arbeitnehmer und der Wahrnehmung, inwieweit der Arbeitsprozeß ihnen diese Ansprüche erfüllt.

Im Gegensatz zu Schmidtchen behaupten wir: Eine wachsende Zahl von Arbeitnehmern erlebt an ihrem Arbeitsplatz einen Mißklang zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung, Partizipation und Kommunikation und der Wirklichkeit einer sachzwanghaften Kommando Wirtschaft. Dieser Mißklang ergibt sich aus gewandelten Lebenswerten, die zum Anspruch geführt haben, anders und weniger zu arbeiten, ohne daß die Arbeitswelt diesen Werten Rechnung trägt. Dies führt zu einem doppelten Konflikt: Die Arbeitnehmer sind unzufrieden mit der Qualität der Arbeitsplätze, die Arbeitgeber sind unzufrieden mit dem Leistungsverhalten der Arbeitnehmer. Dieser Konflikt könnte jedoch durch mehr Mitbestimmung bei den Arbeitsinhalten und der Gestaltung der Arbeitszeiten aufgelöst werden. Dies würde nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer erhöhen.

Das Streben nach. Selbstbestimmung, gepaart mit Autoritätskritik, nach Lebensgenuß und nach zwischenmenschlicher Kommunikation hat seit Ende der sechziger Jahre an Bedeutung gewonnen. *) Betrachten wir nacheinander die drei genannten Aspekte.

Es gibt zwei jeweils eng zusammenhängende Bündel von Werten, die sich gegenseitig "anziehen": Das eine Bündel umfaßt die Werte Pflicht, Fleiß und Ordnung, das andere Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Etwa seit Mitte der sechziger Jahre hat das erste Bündel als Leitlinie im Leben und als Erziehungsideal an Bedeutung verloren, das zweite dagegen ist wichtiger geworden. Aufschlußreich ist hier auch ein internationaler Vergleich. Umfragedaten zu autoritären Einstellungen von Jugendlichen in den USA und in der Bundesrepublik im Zeitverlauf zeigen: In den fünfziger Jahren erzielten die bundesdeutschen Jugendlichen höhere Werte auf Autoritarismus-Skalen als ihre amerikanischen Altersgenossen, heute ist es genau umgekehrt. Auch das Prinzip, jemanden zu strikter Disziplin zu erziehen, ist heute in den USA und Japan weitaus populärer als bei uns.

"Im Leben etwas leisten, es zu etwas bringen", hat als Leitlinie ebenfalls an Bedeutung eingebüßt. "Das Leben genießen" ist dagegen wichtiger geworden. Dies zeigt, daß es um mehr geht als nur um eine Abnahme der Pflicht-, Fleiß- und Gehorsamsorientierung. Neben der Problematik "selbst- oder fremdbestimmt leisten"? wird von mehr Menschen als früher ein Problem darin gesehen, überhaupt das Leben zu sehr vor den Karren der Leistung zu spannen. Daß allerdings eine solche Sicht der Berufstätigen kaum in das Verderben von Trägheit, Faulheit und Genußsucht treiben wird, zeigt ein genauerer Blick auf die Daten: Arbeit als Lebensbereich und Leistung sind keineswegs unwichtig geworden; die Entwicklung hat vielmehr von einer Dominanz der Leistungswerte noch Anfang der siebziger Jahre zu einem Wertemuster geführt, in dem für mehr Menschen als früher Leisten und Genießen sowie Arbeit und Freizeit gleichwertig geworden sind.