Von Horst Bieber

Managua, im November

Der zahnlose alte Mann lächelt boshaft: "Das ist ein trauriger Sonntag für Masaya." Dabei deutet er auf den mit Bäumen bestandenen Platz vor der niedrigen, wuchtigen Kirche, die eher wie eine christliche Festung als wie ein Gotteshaus aussieht. "Nichts los, kein Mensch da. Aber wir haben ja auch Wahlen." Die Straßen von Masaya – rund 30 Kilometer südlich Managua, der Hauptstadt von Nicaragua, etwa 30 000 Einwohner – sind um zehn Uhr kaum belebt. Nur ein paar Kinder spielen in der glühendheißen Sonne Baseball. In den winzigen Wahllokalen, eigentlich nur erkennbar an den schwerbewaffneten Männern und Frauen, die als "Wahlpolizei" eigens für diesen Tag eingeschworen wurden, herrscht gähnende Leere. Nur vor einer junta, deren Zugang Schatten bietet, stehen sieben Männer und Frauen und warten geduldig.

Der alte Mann hat schon gewählt. Er zeigt stolz seinen Daumen, den er nach der Stimmabgabe in rote Tinte tunken mußte. "Wir haben alle gewählt", brummt ein anderer. "Besser, man wählt, sonst gibt’s vielleicht Ärger." Offiziell ist zwar immer wieder verkündet worden, Nichtwähler hätten nichts zu befürchten, aber Stimmenthaltung, so hämmerte die Propaganda selbst am Wahlsonntag, sei das Ziel der Contras, des Imperialismus, der Yankees. Da geht man lieber, frühmorgens, wenn es noch kühl ist. Auf die Frage, was sie denn gewählt haben, lachen die Alten in Masaya: "Seguimos de frente, con el frente." Ein hübsches Wortspiel: "Wir schreiten voran, mit der Frente Sandinista." Die Frente, die Partei der Sandinisten, ist allgegenwärtig, mit Plakaten, Transparenten, Fahnen oder auch nur den schwarz-roten Farbstrichen neben den Haustüren: schwarz wie Anarchie, rot wie Sozialismus.

Der alte Markt und die gegenüberliegenden Geschäfte sind im Bürgerkrieg von der somozistischen Garde zerbombt worden. An der Fassade des Marktgebäudes hängt ein Transparent: "Das ganze Viertel wählt die Frente." Die Geschäfte sind nicht wieder aufgebaut worden, dafür ist dort ein Militärposten entstanden. Es gibt viel Militär, blutjunge Unteroffiziere und weibliche Soldaten in engen olivgrünen Hosen, die MP mehr dekorativ als praktisch auf den Hüften.

Ein Wahlpolizist will den Ausländer nicht in das Lokal lassen. Er streitet hartnäckig, es ist heiß, und endlich grinst er: "Diskutieren wir im Schatten." Die Wahlbeisitzer langweilen sich. Nein, der Ansturm sei vorbei, doch, das Interesse an den "ersten geheimen, freien, ehrenvollen Wahlen in der Geschichte Nicaraguas" (so die offizielle Beschwörung) sehr groß. Es ist überall ruhig, die Regierung hat für den Wahltag ein Alkoholverbot ausgesprochen.

In Granada, zwanzig Kilometer weiter südlich, verwechselt eine alte Frau die beiden Stimmzettel. Mit dem einen werden der Präsident und sein Vize, mit dem anderen die neunzig Mitglieder der verfassungsgebenden Versammlung gewählt. Ehe man sie hindern kann, hat sie die Zettel in die jeweils falsche Urne gesteckt. "Was nun, was nun?", jammert sie und will sich gar nicht mehr beruhigen. Mit 62 Jahren ist sie zum ersten Mal in ihrem Leben zu einer Wahl gegangen. "Und nun habe ich alles kaputt gemacht." Großes Gelächter, aber auch Mitleid. Über Wochen hat man Wahlaufklärung betrieben, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen. Aber vielen sind die Prozedur und auch der Zweck der Wahlen unklar geblieben. Der Analphabetismus, eine der schlimmsten Hinterlassenschaften der Somoza-Zeit, fordert seinen Preis.