Von Jörg Bischoff

Stuttgart

Bei Gertrud J., Besitzerin eines kleinen Ladens in einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg, wird Kommunalpolitik gemacht. Wenn bei ihr die Männer schwere Stumpen kaufen und die Frauen Strampelhosen, geht es hin und her. SPD-Politik wird vor allem gemacht, denn Gertrud J. ist Genossin seit vier Jahrzehnten und seit Jahren Gemeinderätin. Doch seit der Kommunalwahl vom 28. Oktober ist die Welt der SPD in ihrem Dorf nicht mehr in Ordnung. Junge Leute, "Auswärtige" zumal, waren im Frühjahr gekommen und hatten die alten Sozialdemokraten kurzerhand von der Nominierungsliste für die Wahl gestrichen. Sie setzten sich selbst an deren Stelle, die Leute mit dem "gehobenen Bewußtsein": der Mann der Pfarrerin, eine "Lehrerin mit gestrickte Strümpf", eine Erzieherin. Wer bisher für die SPD auf dem Rathaus wirkte, sei "Ballast" verkündeten die Jungen.

Der Schuß auf die Alt-Genossen ist nach hinten losgegangen. Denn die Abgesägten gründeten kurzerhand eine "Bürgerliste" und wurden, obwohl ihnen der Parteiausschluß drohte, mit vier Sitzen in den Gemeinderat gewählt. Die SPD, die ehedem sechs Räte stellte, hat jetzt nur noch zwei. Selbst mit den zwei Grünen zusammen reicht es nur noch für ein kommunalpolitisches Kümmerdasein.

Das ist nur eine von vielen Episoden aus einer Kommunalwahl, die mit den üblichen Maßstäben der politischen Metrik kaum zu messen ist. Die Lokalmatadore beherrschen im deutschen Südwesten das Feld. Und wo sie fehlen, oder wo sie – wie beschrieben – gestürzt werden, stimmen auch die alten Mehrheitsverhältnisse nicht mehr.

Das Wahlrecht, das wie kaum ein anderes die Personenwahl erlaubt, macht es möglich: Bis zu drei Stimmen kann der baden-württembergische Wähler auf einen Kandidaten "häufeln" (kumulieren), darüber hinaus aber auch Kandidaten von einer Liste auf eine andere schreiben (Panaschieren). Davon profitieren die Lokalgrößen, die Ärzte, Apotheker und Tankstellenbesitzer, weniger die Lehrer. "Stimmenkönige" werden in der Lokalpresse groß herausgestellt. Es kommt nicht selten vor, daß in Gemeinden mit 6000 Wahlberechtigten ein einziger Kandidat 5000 Stimmen und mehr auf sich vereinigt. Die Partei spielt da keine Rolle.

Nur so ist es auch zu erklären, daß in der Wahlnacht die baden-württembergischen Grünen zunächst als die alles beherrschenden Sieger dastanden. In Großstädten wie Stuttgart, vor allem aber in Universitätsstädten wie Tübingen, Freiburg und Heidelberg schienen sie noch die 25-Prozent-Ergebnisse von der Europawahl zu übertreffen, die mit 10,1 Prozent im ganzen Land den vorläufigen Höhepunkt der "grünen" Entwicklung in Baden-Württemberg markiert hatte. Je länger aber Tausende von Wahlhelfern die mehr als 100 Millionen Stimmen der 6,5 Millionen Wahlberechtigten sortierten, desto bescheidener wurde der Gewinn.