Ich will Spaß, ich will Spaß, ich geb’ Gas, ich geb’ Gas ...

Oh, diese stillen Stunden zwischen Metz und Paris! Leichter Nieselregen hatte die Hügel der Champagne angefeuchtet, und die Dächer der Dörfer leuchteten rot auf, wenn Sonnenfetzen durch die Wolken brachen. Die Tachometernadel stand unbeweglich bei 130. Jetzt – bei Kassel – schwankt sie ein wenig um die 140 – die Kurve ist zu Ende, eine lange Abfahrt: Blinker, Rückspiegel, auf die Überholspur – die Nadel klettert höher, "160 bei Kilometer zwo-siebendrei-Komma-neun". "Welche Zeit?" "15.08 Uhr." Bei 180 kriegt der Wagen kurze Stöße von vorne, als führe er durch Gummiwände. Vermutlich Wind. Jetzt eine weite Kurve, dann ein Schild, eine Brücke – Bremse, rechts einfädeln: "Tempo 100, verordnet wegen Seitenwind, Kilometer zwosieben-fünf-Komma-sechs, 15.09 Uhr." Aus der Traum von der großen Freiheit.

Der Versuch: Ein Autofahrer und ein Beifahrer mit einem großen Notizblock legen zwei gleich lange Strecken zurück, und zwar in Frankreich und in Deutschland. Sie fahren so schnell, wie Gesetz und Verkehr es erlauben. Sie benutzen denselben BMW 316 i (90 PS, Höchstgeschwindigkeit 180) an zwei Tagen mit etwa gleichem Verkehrsaufkommen – Dienstag und Donnerstag. Sie fahren auf Frankreichs Autobahn nie schneller als die erlaubten 130 Kilometer pro Stunde, in Deutschland so schnell, wie es eben geht; und wenn ein Schild "60" verordnet, fahren sie 60. Auf welcher Strecke, in Frankreich oder in der Bundesrepublik, würden sie schneller sein?

Um 13 Uhr starten wir am Grenzübergang Saarbrücken, dort, wo das Saarland und Lothringen aufeinanderstoßen. 382 Kilometer sind es bis zur "Peripherique", der Ringautobahn, die Paris umschlingt. Die französischen Zöllner profitieren von den neuen Grenzbestimmungen und lassen sich angesichts von Wind und niedrig hängenden Wolken nicht blicken. Die Sicht ist gut, die Straße noch trocken.

Zwei Tage später, ebenfalls um 13 Uhr, verlassen wir die Tankstelle Lorsch nördlich von Mannheim. Bis zur Abfahrt Hannover sind es wieder 382 Kilometer. Zwar beginnen wir zögernd, weil die Tankstelle von einer Baustelle umzingelt ist; aber Sonne und flockige Wolkenfetzen versprechen eine gute Fahrt. Ideale Bedingungen.

Saarbrücken-Paris, Kilometer 22: Die Franzosen haben auf ihren Autobahnen eine höchst praktische Maschine installiert. Man fährt an sicheren, wirft seine zwölf Francs Autobahngebühr in einen Metallkorb, die Maschine zählt, sortiert und spuckt Wechselgeld aus, und dann gibt sie grünes Licht. Das Ganze dauert mit Bremsen und erneutem Anfahren eine Minute.

Mannheim-Hannover, Kilometer 22: Kurz hinter Darmstadt hält sich ein älterer Herr mit seinem roten Mercedes gewissenhaft links und blockiert uns. Nach rechts auszuweichen, fürchtet er offenbar, weil er dann so bald nicht wieder überholen könnte. Der Mann ahnt ja nichts von unserer versuchsbedingten Eile! Wir hätten kilometerlang mit 130 hinter ihm herkriechen können, wäre nicht vor Frankfurt die Autobahn vierspurig. So aber haben wir 17 kerzengerade Kilometer vor uns mit 180 – was für eine Gelegenheit. Wir ahnen noch nicht, daß es die einzige sein wird.