Hannover

Als Rafaettin Akar 1963 aus der Türkei in die Bundesrepublik kam, war seine Arbeitskraft – und mithin auch seine Anwesenheit – erwünscht. Begriffe wie "Ausländerrückführung" oder "Familiennachzugsbeschränkung" waren noch nicht geprägt, die Parole hieß – um des deutschen Wirtschaftswunders willen – eher "Türken rein" denn "Türken raus".

Rafaettin Akar fand in Hannover schnell als Industriearbeiter eine Anstellung und gründete eine Familie. Drei Kinder brachte seine Frau in der niedersächsischen Landeshauptstadt zur Welt, das älteste von ihnen, Feridun, ist heute sechzehn Jahre alt. Der Junge war gerade acht, als seine Mutter 1976 beschloß, in die Türkei zurückzukehren. Die drei Kinder nahm sie mit, der Vater blieb hier, denn ein sicherer Arbeitsplatz war inzwischen wertvoll geworden.

Seit 1983 nun ist Feridun wieder bei seinem jetzt in Garbsen bei Hannover lebenden Vater. Die Mutter ist in der Türkei erkrankt, sie kam auch mit der Erziehung des zwischen zwei Kulturen schwankenden Jungen nicht mehr zurecht. Die Eltern hofften, daß der fließend deutsch sprechende Feridun in der Bundesrepublik unter der Obhut des Vaters weiter aufwachsen und einen soliden Schulabschluß erreichen könnte.

Ihre Pläne hatten die Akars jedoch ohne die niedersächsischen Ausländerbehörden gemacht. Diese wollten Feridun am liebsten sofort wieder in die Türkei zurückschicken, mit der Begründung, eine Einreise des Jugendlichen auf dem Wege der Familienzusammenführung sei nur dann rechtmäßig, wenn beide Elternteile in der Bundesrepublik lebten. Bei der Familie Akar ist dies offensichtlich nicht der Fall. Die Rechtslage ist eindeutig, das bestätigten inzwischen auch mehrere Gerichte – zuletzt das Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Für Feridun heißt das: Er muß seine inzwischen begonnene Schulausbildung abbrechen und in die Türkei zurückkehren.

In Garbsen regt sich jetzt Widerstand gegen die drohende Abschiebung. Drei Kirchengemeinden sowie Lehrer, Eltern und Schüler der örtlichen Gesamtschule, die Feridun besucht, richteten Protestschreiben an die zuständigen Behörden. Schüler verteilten Flugblätter, klebten Plakate und veranstalteten kleine Demonstrationen für den jungen Türken.

Dieter Albrecht, Mitglied der Schulleitung, meint: "Feridun hat sich gut eingelebt und möchte hierbleiben. Es besteht die begründete Hoffnung, daß er einen ordentlichen Schulabschluß schafft. Die Behörden sollten das Einzelschicksal besser würdigen."