Madru, Bastard des Jarl und einer Sklavin, wird ausfindig gemacht, um als "Sternensohn" am Hofe des Fürsten erzogen zu werden. Dort soll er für seine Aufgaben, Norrland zu schützen, standesgemäß vorbereitet werden. Nicht nur für den Anfang dieser Saga verwendet der Autor einen Topos mythischer Geschichten.

In dreiundzwanzig Kapiteln durchleidet Sternensohn alle Stationen der Sehnsüchte, Prüfungen, Qual, Traumtode und Glücksmomente, die wir aus allen Märchen dieser Welt kennen. Helden und Schurken in diesem Mammut-Abenteuer sind archetypisch gezeichnet: Anima und der alte Weise, die lichten und die finster-verschlingenden Frauengestalten. Kabale, Eros, Macht, Unterwerfung, Totschlag und Tod, Magie und Traum im Traum kommen darin vor. Hetman verknüpft Märchentopoi mit den Symbolen und Deutungen der Psychoanalyse. Ein künstliches Märchen also, eine planvolle Reise in die Anderswelt, die Rumpelkammer unseres Bewußtseins, vor allem aber der Versuch, zwischen dem Bewußtsein frühzeitlicher Menschen, die auch den Geschöpfen der Natur eine Anima zugestanden, und dem Bewußtsein der Menschen dieses Jahrhunderts, die alles Kreatürliche bloß zum Profit benutzen, eine Brücke zu stiften.

Was ist dies nun: Roman, mittelalterlich kostümierte Aventiure, Sinnsuche, Hommage an eine literarische Modeerscheinung, nämlich den Erfolg der Fantasy?

Hetman ist gründlicher Kenner irischer Folklore, keltischer Mythologie und unverfälscht überlieferter indianischer Texte. In "Madru" schüttelt er das Kaleidoskop mythischer Muster zu einem Spiegelbild immer neuer Erzählstücke, einer fast hektischen Folge phantastischer Bilder, in denen sich Schicksal und Individuationsprozeß des "Sternensohn" lesen lassen.

Madru ist weder Artus, noch Parzifal, ein eher unheldischer Held, der zwar Alissa, die Reine, liebt, sein Liebesglück aber immer wieder mit irgendwelchen Schlampen verschläft und verrät. Er verwickelt sich in Fallen, höfischen Intrigen, den Zwängen der "wirklichen" und dem Zauber der Anderswelt. Schundkerle und Edle, Totschläger und Retter, Noble und Gemeine kreuzen seine Irrwege. Er liebt, mordet, träumt und stirbt, gerät in die "Schlucht des Vergessens" und fällt aus der zeitlosen Zeit des Märchens in die Gegenwart.

Hetman ist Regisseur einer prunkvollen Inszenierung, die aus dem Repertoire der Welt-Mythen eine neue Deutung geben will: beharrlich erinnert er an die Anfänge der Kultur, in der Bäume und Geschöpfe der Natur noch verehrungswürdig waren – eine Art Beschwörung des verschleuderten Paradieses. Er verquickt Bilder aus der Vorstellungswelt irisch-gälischer Erzähltradition der "Otherworld" mit indianischen Weisheiten, stellt der Schlächter-Mentalität kriegslüsterner Menschen, die skrupellos den Genozid an den "Waldmenschen" hinter sich bringen, die schöne Utopie sanfter Naturwesen gegenüber.

Während des Massakers an den Waldgeschöpfen klagen die Wölfe: Erst die Eichhörnchen, die Füchse, die Zobel und Iltisse ... später wir. Das ist die Variation jenes fast zum Kultwort gewordenen Satzes aus der Rede des Häuptling Seattle vor dem amerikanischen Präsidenten: Was immer den Tieren geschieht – geschieht bald auch den Menschen.