Riesig überragt ihn die weiße Leinwand im Rücken, ganz klein sieht er davor aus. Aber das stört ihn nicht. Wahre Cineasten sind alle Melancholiker, von ihrem eigenen Kinowahn Besiegte, im Grunde Mohamedaner, immer auf dem Weg nach Mekka. So einer ist auch Heinz Badewitz.

Heinz Badewitz ist ein umgekehrter Broadway Danny Rose. Woody Aliens Engel der unteren Varietebühnen phantasierte sich Kleinkünstler zu Weltstars. Für Badewitz sind alle Stars seiner Festivals, von Wim Wenders bis Werner Herzog oder Samuel Fuller, eine Familie, keine Sonntags-, sondern Kinokinder. In der Regression liegt das Geheimnis der Hofer Filmtage.

Auf einmal war Hof von Mailand, das Kino "Central" von der Casa Verdi nicht mehr weit entfernt. Auch dort leben Menschen, die den Unterschied zwischen Phantasie und Realität, Kunst und Leben ignorieren. Die Casa Verdi ist ein Altersheim für Künstler. Alte Opernsänger leben dort, keiner unter 70, manche über 90. Der Schweizer Filmemacher Daniel Schmid hat sie beobachtet. Einen Winter lang war er in der Casa Verdi. Als er in Hof "Il Bacio di Tosca" ("Der Kuß der Toscana") zeigte, wurden die alten Opernstars vom Kinopublikum noch einmal gefeiert, aber auch verhöhnt. Beides haben sie verdient.

Die Casa Verdi ist ein Museum der Leidenschaften, ganz und gar noch der alte Stil, angefüllt mit den Platten von damals, mit Photos von vergessenen Aufführungen. Sie ist ein Ort der Beinleiden wie der Schwanengesänge. Hier wird das ausgehende 20. Jahrhundert mitleidig verachtet, weil es nicht mehr das Jahrhundert der großen Oper ist. Sara Scuderi, auf einen Gehstock gestützt, singt auf dem Gang des Altersheims noch einmal Puccinis große Tosca-Arie: "Nur der Schönheit weiht ich mein Leben, einzig der Kunst und Liebe ergeben."

Auf dem Korridor spielt Sara Scuderi noch einmal den Mord aus dem zweiten Akt der "Tosca". Der alte Sänger, den ihr Messer trifft, spielt noch einmal Sterben. Die Küsse der Diva bedeuten noch einmal den Tod. Aber fast kommt diese Tosca am Krückstock dabei selber zu Fall. Die Oper, die sich in der Casa Verdi ereignet, ist immer kurz vor dem Finale.

Doch selbst noch in der Casa Verdi wird der Traum von der Kunst immer wieder zum Alptraum von der Gesellschaft. Oper, Schönheit, Gesang: Grimasse. Auch noch im Altersheim siegen Konkurrenzkampf, Neid, Eitelkeit. Es ist dieselbe gnadenlose Kunstwirtschaft wie draußen. Vor Schmids Kamera spielen sich die Veteranen ein letztes Mal an die Wand.

Den Bewohnern der Casa Verdi ist die Oper die Welt (und das Paradies). In Jim Jarmuschs Film "Stranger than Paradise" ist unsere Welt "Stranger than Paradise", fremder auch als das Kino sonst. Statt des technischen Raffinements, der Kunst des Schnitts: nach jeder noch so kleinen Szene ein Blackout.