Von Christoph Neidhart

Lorbeer wächst von Fenster zu Fenster, durch meine Augen, durch meine Haut." Naturlyrik? – Nein, ein Roman: In "Gouverneur" überwuchert grüner Wildwuchs Ort und Handlung, und die verstoßene Frau sucht, in der imaginierten Vereinigung mit Unkraut, die Trennung von der Welt zuletzt noch zu vermeiden.

Da erstaunt es einigermaßen, daß Gertrud Leutenegger ihre Bücher mit Städten vergleicht: Scheinbar zufällig aneinandergebaut, "bedingen sich die Häuser gegenseitig; zur Stadt verwirklichen sie sich erst in Relation zueinander."

Am Telephon bat sie mich, eine alte Stadtkarte von Peking mitzubringen, sie stehe in Zürich bereit, frisch gerahmt.

Jetzt hängt "Peking inside its walls 1906" an der Wand, dort oben, in der luftigen Patrizierwohnung über dem Valle di Muggio. Gertrud Leutenegger ist umgezogen: aus der (selbstverordneten) Verbannung in eine neue Einsamkeit: aus dem Unterwallis in ein verlassenes Bergdorf der italienischen Schweiz. Wir hocken uns auf den Teppichboden, unser langsames Gespräch bleibt bei der Stadt. Zwischen wenigen Büchern auf dem Regal – sie wolle nicht mehr, Besitz beiäste – fällt Benjamins "Einbahnstraße" auf und das "Passagen-Werk". Schon Gertrud Leuteneggers erstem Roman bot die Stadt Schauplatz und Struktur zugleich: Ein Mädchen durchstreift, am Vorabend einer Demonstration, die Straßen von Zürich, durch die der Zug anderntags führen wird. Die Straßen, oder, in ihrem Vergleich: die Häuser, stehen für ihre (Traum-)Bilder, die sie zu einem vieldimensionalen Puzzle montiert.

Den Lesern bleiben weniger erinnerlich die nacherzählbaren Abläufe als viel deutlicher Farben und Stimmungen dieser Prosa: eine gespenstisch neblige Dämmerung nach "Gouverneur", schrille Helligkeit nach "Komm ins Schiff".

Ob das "weibliches Schreiben" sei, den Text ohne zuvor festgelegte Struktur wachsen zu lassen? Das Schlagwort provoziert sie nicht: Sorgsam bewahrt die Schriftstellerin jene Naivität, die analysierendes Befragen ihrer Themen abwehrt. (Formen befragt sie sehr wohl, die literarischen – sie unterwandert die Gattungen –, wie jene des sozial sanktionierten Lebens, etwa der Liebe.) Und zu sehr scheint sie in ihrer Welt weiblicher Mythen aufgehoben, als daß sie diese auch nur als solche erkennen möchte: eine feminine Philosophie, ohne jede Theoriebildung.