Von Hans-Peter Schwarz

Die Memoiren der Großen auf dem Bonner Parkett stehen selten unter einem günstigen Stern. Manche der bemühten Autoren werden überhaupt nicht fertig. Bei anderen muß der Verleger oder dessen Lektor heran, um das Produkt in eine halbwegs präsentable Form zu bringen. Und nicht wenigen der "Erinnerungen", die schließlich von einer Bonner Landesvertretung aus den Eintagsflug ins moderne Antiquariat antreten, möchte man wünschen, sie hätten nie das Licht der Welt erblickt. Aber es gibt sie doch, die Ausnahmen! Erich Mende gehört zu ihnen. Endlich ein Politiker, der schreiben kann, möchte man ausrufen! Anders als viele hat er begriffen, daß Bücherschreiben Fleiß, Sorgfalt, Freude am Gestalten erfordert, kurz: daß es wie die Politik selbst eine Mühe und eine Kunst zugleich ist.

Mendes Schreibtalent zeigte sich schon bei seinem erfolgreichen Kriegsbuch "Das verdammte Gewissen". Dort hatte er Leiden und menschliche Bewährung einer ganzen verlorenen Generation deutscher Soldaten aus der Sicht des Frontoffiziers geschildert – unprätentiös, verhalten, ohne heroischen Zungenschlag, aber auch ohne Wehleidigkeit. Doch manchmal lassen Autoren bei ihrem zweiten Buch nach. Hier ist das Umgekehrte der Fall. Der Band, dem bald ein abschließender dritter folgen soll, ist darstellerisch reifer als der erste, breiter in der Anlage, auch vom Stoff her für viele noch reizvoller. Schließlich schreibt hier ein Spitzenpolitiker, der in seiner Partei und im Deutschen Bundestag vom ersten Tag an dabei war.

Die Darstellung beginnt als typische Heimkehrergeschichte. Frierend, nur mit einem Rucksack bepackt – die schlesische Heimat ist im Grauen des Russensturms versunken –, so findet sich der eben aus englischer Gefangenschaft entlassene Major im Oktober 1945 bei seiner früheren Zimmerwirtin in Sürth bei Köln ein, wo er 1939 als junger Leutnant im Quartier lag. Damals ging es hoch zu Roß einher, jetzt ist er nichts mehr und hat nichts außer dem unbändigen Willen, zu studieren und ein neues Leben aufzubauen. Trostlosigkeit allüberall. Der Staat ist zerbrochen, die Gesellschaft gleicht dem Gewimmel eines zertretenen Ameisenhaufens. Es gibt nur noch drei Beziehungskreise, die halten und Halt geben – die Großfamilie im weitesten Sinne, die ehemaligen Kriegskameraden sowie die weder zuvor noch danach mit solcher Intensität erfahrene landsmannschaftliche Solidarität. Und wenn man Glück hat, wie Mende, stößt man auf einen vernünftigen britischen Universitätsoffizier, der die Genehmigung zur Aufnahme des Studiums erteilt, trotz der Vergangenheit als Offizier der Wehrmacht.

Nun, Ähnliches ist schon unzählige Male geschildert worden, selten aber so genau erinnert, so atmosphärisch dicht gestaltet. Selbst ein nachgeborener Leser mag spüren, wie unentschieden die Gemütslage der Kriegsgeneration einige kritische Jahre lang zwischen Aufbruchstimmung und Hoffnungslosigkeit pendelte. Der Bericht von den bedrückten Anfängen eines jüngeren Mannes, der neun Jahre Soldat war und nun zupackt, sowohl im Studium wie politisch, weitet sich indessen rasch aus. Aus der Schilderung der Lebensverhältnisse im Jahre Null und den folgenden Jahren erwächst ein fesselndes, überlegt konzipiertes Panorama westdeutscher Nachkriegspolitik vom Zusammenbruch bis zum Jahr des Mauerbaus. Der Rezensent hat noch kein Memoirenwerk eines Bonner Politikers gelesen, das ihn so wie das vorliegende Buch gefesselt, informiert, gleichsam in den Strom jener Jahre eingetaucht hat.

Dieser Kölner Jurastudent, der sein Studium ungeachtet aller politischen Ablenkung zäh zu Ende führt und 1950 – er ist schon Bundestagsabgeordneter – mit dem Doktor krönt, gerät nämlich alsbald und anfangs wohl ganz unabsichtlich in die Politik. Ende 1945, als er nach einer Beschäftigung sucht, um das Studium zu finanzieren, bringt ihn ein Kriegskamerad mit dem Verleger Middelhauve in Opladen zusammen, der ein Organisationstalent zum Aufbau der FDP sucht. Bei der legendären Gründungsversammlung der Freien Demokratischen Partei für die Opladen Zone und Berlin im "Hotel Zur Post" in Opladen am 8./9. Januar 1946 begegnet der bisher nur in einem abgeschlossenen Lebensbereich von Befehl und Gehorsam lebende ehemalige Berufsoffizier einer "anderen, neuen Welt", in der argumentiert und leidenschaftlich um den richtigen Weg gestritten wird. Mende wird also – wie man heute sagt – "anpolitisiert", und zwar so kräftig, daß er zwar nach einem Vierteljahrhundert noch von der FDP loskommt, aber nicht mehr von der Politik.

Der Lebensweg dieses Heimkehrers verbindet sich nun immer unauflöslicher mit dem Aufbau der westdeutschen Demokratie und zugleich der FDP. Seit 1946 reist der umtriebige Mann – neben seinem Studium – als FDP-Landessekretär der Nordrhein-Provinz für seine Partei durch die Lande. 1949 wird er bereits als Repräsentant der Frontgeneration in den Bundesparteivorstand gewählt und zieht in den Bundestag ein. 1957 steht er an der Spitze seiner Fraktion, und 1960 löst er Reinhold Maier als Parteivorsitzender ab. Das letzte Kapitel zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Der abgerissene Heimkehrer, der uns zu Beginn begegnete, ist nun einer der mächtigsten Männer der Bundesrepublik. Nachdem er einen von der FDP weder zuvor noch danach in dieser Höhe mehr erreichten Wahlsieg errungen hat, sitzt er dem Bundeskanzler von gleich zu gleich gegenüber – als "Copilot" einer erneuerten bürgerlichen Koalition. Da ist er 45 Jahre alt.