Von Michael Naura

Also sprach Peterson: "Wenn es wie eine rush hour klingen soll, dann geht auf die Straße. Aber das hat nichts mit dem Klang eines Klaviers zu tun." Und siehe, die Worte des Klavier-Zarathustras des Jazz waren in den Wind gesprochen, denn sie gingen hin und präparierten ihre Instrumente. Sie warfen rostiges Eisen in den Fügel, improvisierten mit indischen Kritze-Kratze-Geigern, fielen fast in Trance mit befreundeten Shenai-Spielern aus Tunesien, und in den Klang eines Steinways, diesem Instrument höchst verfeinerter Zivilisation, mischte sich plötzlich etwas völlig Archaisches: das drahtig-surrende Geräusch einer Berimbau, des Musik-Flitzbogens der Indianer aus den Regenwäldern Brasiliens.

Der Jazz hatte begonnen, sich zu verzahnen, zu überlappen mit den Klängen anderer Kulturen und Kontinente. "Weltmusik" schrieben die Befürworter dieser Bastardisierung, meist Kritiker, die aus ihrer Meise einen Mythos machten, in großen Lettern beschwörend an die Wand. Jetzt, wo die populärste Mischform, der Rock-Jazz, lärmend auf dem Schlauch steht, stellt sich ein Gefühl der Leere ein, ähnlich dem, das sich auf der Zunge von Zigarettenrauchern bildet, denen man mit dem Qualm das "Gefühl grenzenloser Freiheit" versprochen hatte.

Doch nach all den Expeditionen in die Ferne gibt es im aktuellen Jazz auch so etwas wie ein "Heimat-Phänomen". Es ist die Besinnung auf den Be-Bop, auf die Entstehungsjahre des modernen Jazz. Der große Wegweiser Charlie Parker feiert Auferstehung. Am Beispiel der im Dezember 1983 in New York aufgenommenen Schallplatte

"Wings"; Enja 4068

des Trompeters Franco Ambrosetti wird die Wiedergeburt Parkers deutlich. Das ist ungepanschter Jazz. Ich rede hier nicht einem Reinheitsgebot nach Art der Deutsch-Bier-Fetischisten das Wort, sondern applaudiere sechs Musikern, die mich an eine Szene erinnern. Berlin Ende der sechziger Jahre im "Sportpalast". Auf der Bühne verfällt "Jazz at the Philharmonie" in heilige Raserei. Plötzlich entsteht Unruhe im Publikum. Ein etwas verkommen aussehender Mann, Mitte Vierzig, drängt sich stolpernd durch die Stuhlreihen und schreit: "That’s Jazz, that’s Jazz, that’s Jazz!" Er wird abgeführt. Die Berliner Polizisten wußten nicht, daß sie einen der größten Saxophonisten des modernen Jazz im Knebelgriff hatten, den Amerikaner Phil Woods.

Die heilig Rasenden von "Wings" sind: der Schweizer Industrielle Franco Ambrosetti, Flügelhorn und Trompete; man kennt ihn aus der George Gruntz Concert Big Band. Der New Yorker Michael Brecker spielt Tenorsaxophon. Wenn er seinen Tag hat, bläst er alle Kollegen seiner Generation in Sack und Asche; das wußten auch John Lennon, Yoko Ono, Chick Corea und andere Zelebritäten, die ihn zu ihren Schallplattenaufnahmen bestellten. Dem amerikanischen French-Horn-Spieler John Clark ist man schon im Gil Evans Orchester begegnet. Der US-Bürger Kenny Kirkland war jüngst auf dem Klavierstunl des supertechnischen Trompeters Wynton Marsalis zu bewundern. Buster Williams spielt Baß, und am Schlagzeug sitzt der Franzose Daniel Humair, in seinem Land auch ein vielbeachteter Maler.