Von Christa Melchinger

Bin ich ein Nestbeschmutzer, wenn ich sage, daß Margrit Irgangs Prosa sehr weiblich ist, voller weiblicher Schwächen? Dabei will ich doch nur den Charme hervorheben, das Kindlich-Verspielte, den leichten, sanften Umgang mit den Wörtern, die Freude am Ausschmücken, an der Sprache selbst als Schmuck für die eigene Person. Doch das sind Klischees (wenn es sich um einen weiblichen Autor handelt, bei einem männlichen wäre es Kunst), und damit wird man dieser Schreiberin nicht gerecht.

Aber auf ihr neuestes Buch – "Min – Die Geschichte vom Glück und vom Glas" treffen diese Klischees zu. Eine Frau und ein Mann – und das Glück hinter Glas? Oder wie sie versuchen, das Glas zu zerschlagen: "Scherben bringen Glück" – das heißt, sie versucht es, er geht davon.

Eine alte Geschichte also. So wie die Geschichten, welche die Frau erzählt, immer wieder, ohne Echo, in einen Spiegel hinein. Sie leidet unter einem Erzählzwang – oder leidet sie gar nicht? Ist der Mann nur ein Anlaß für sie, die Geschichten loszuwerden?

Man kennt solche Paare. Wer hält das schon aus! Wenn das Erzählte unwichtig wird hinter den Worten, in der Sucht nach Worten. Das muß ja so enden; "erzählen erzählen. Mit offenen Augen. Spieglein Spieglein an der Wand, ich habe den letzten König gekannt. König mit den schönen Händen muß ihm meine zum Abschied senden. Schick sie durch den Riß im Glas. Wie blutet das! Wie blutet das! Nicht fragen, wer’s hört. Erzählen erzählen. Wie zum allerersten Mal."

Wer den ersten Roman dieser Autorin kennt, "Unheimlich nette Leute", wird vermuten, daß Margrit Irgang ihre Bücher schreibt, um so nicht zu enden. Die Erzählsucht ihrer Figuren ist ihre Schwäche. Oder anders herum: Ihre Schwäche macht sie zu ihrem Thema. Das hat Konsequenzen. Zum Beispiel die Manie, unablässig Neues und anderes zu erzählen statt ein Thema zu entwickeln und eine Form daraus zu bilden. Ohne einen formalen Halt sitzt sie ihren Stoffen auf: die unheimlich netten Leute sind eine Wohngemeinschaft, die sich ständig wandelt: "Einmal hatten wir einen Balinesen, der von Paris kam und nach Ankara wollte, da lagen wir praktisch auf halbem Weg. Oder doch fast auf halbem, bei etwas gutem Willen. Er stand vor der Tür und fragte, ob wir für eine Nacht Platz hatten."

Die formale Unsicherheit oder besser: Unbekümmertheit macht dieses Buch, das als ihr einziges die Gattungsbezeichnung "Roman" trägt, besonders verwirrend. Da spricht ein Ich zu einem Du, reiht, während ein Zug ständig wechselnder Gestalten am Leser vorbeidefilert, unermüdlich Worte aneinander – unterbrochen nur durch eingeschobene Dialoge ebenfalls wechselnder Personen. Nichts wird, zum Thema, aber wenig wird ausgelassen, was dem braven Bürgur zum Stichwort Wohngemeinschaft einfällt, alles unheimlich "alternativ" – vom Kochrezept bis zur Meditation. Aufmunternd schließt das Buch: "die Wirklichkeit aushalten". So ist sie sicher auszuhalten – nur ist es die Wirklichkeit, die hier beschrieben wird? Wem es darum geht, der sollte nach einem anderen Buch von Margrit Irgang greifen, nach: "Ich bin meine Geschichte – Lebenswünsche und was daraus geworden ist", Es enthält die Entwicklungsgeschichten von sieben Menschen, die ich seit Jahren kenne". immer abwechselnd, ein weibliches, ein männliches Portrait, jeweils in zwei Teilen: Zuerst das Selbstbildnis vom Beginn "zwischen sechzehn und zwanzig": Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen. Dann der Bericht der Autorin: Was daraus gefordert ist. Sie gibt wieder, was sie mit diesen Menschen erlebt hat, Was sie an ihnen. beobachtete, was sie von ihnen erfragte.