Die neue Quoten-Regelung für Milch drängt viele Kleinbauern an den Rand des Ruins

Von Robert Birnbaum

Vilshofen, im November

Ausgerechnet in Vilshofen, in jenem verschlafenen Städtchen an der Donau, in dem die CSU ihren "Politischen Aschermittwoch" zu feiern pflegt, proben sechs bayerische Bauern den Aufruhr. Sie sitzen im "Albersdorfer Hof" unter einer Hirschgeweih-Leuchter, von dem ein Stierhorn mit der eingebrannten Inschrift "Stammtisch" baumelt, und sie stoßen dunkle Verwünschungen aus. "Die wem sich noch wundern!" sagt der Josef Leitner. "Die", das sind die Herren Strauß, Kiechle und ihre CSU, und daß sie sich wundern werden, gehört durchaus zu den harmloseren Drohungen. "Die ham uns des eigbrockt", schimpft Leitner, und "Des" ist jene Verordnung, mit deren Hilfe die Europäische Gemeinschaft seit dem 1. Juni ihrer Milchüberschüsse Herr werden will. Die Folgen dieser Quotenregelung sind derart, daß etliche bayerische Milchbauern sogar gegen die CSU rebellieren. "Wenn sich bis zur Landtagswahl in zwei Jahren nichts ändert, dann wackelt dem Franz Josef seine absolute Mehrheit", prophezeit Albert Uttenthaler, der bei den Leuten viel herumkommt, weil er für eine Versicherung arbeitet. Die fünf anderen gucken in ihre Biergläser und nicken bedächtig.

Daß Bauern über die jeweilige Agrarpolitik jammern, ist beinahe ein Naturgesetz. Aber diesmal scheint die Luft in den Gasthäusern Niederbayerns sehr viel dicker zu sein als gewöhnlich. Der Zorn der Landwirte entzündet sich an einer Politik, die vielen Kleinbauern die Existenz zu nehmen droht und die Großen vergleichsweise milde behandelt.

Die Bundesstraße 12 klettert hinter Passau hinauf in den Bayerischen Wald. Sie schlängelt sich durch einen gewellten Flickenteppich: Kleine Waldstücke, grüne Wiesen und dazwischen einzelne Maisfelder; über die Hügel verteilt liegen Höfe und kleine Dörfer, die "Tannöd" heißen oder "Unholdenberg" oder "Hundsdorf". Wer freilich aussteigt und ein wenig zu Fuß geht, merkt bald, daß das Paradies seinen Makel hat. Der Mais ist klein und wird nicht richtig reif; die Wiesen, die in der klaren Herbstsonne so saftig grün schimmern, sind mager und niedrig, die Flächen schmal und schwer zu bearbeiten. Was hier wächst, taugt gerade als Viehfutter. Außer der Milchwirtschaft bleibt den Bauern im Landkreis Freyung-Grafenau allenfalls der Fremdenverkehr; andere Nebenverdienste sind selten, Industrie gibt es kaum. Wo immer sich die Chance bietet, etwas Geld zu verdienen, hat sie schon jemand ergriffen: Nur ein Fünftel der Bauern kann allein von der Landwirtschaft leben.

Das Haus Nr. 5 in Neureut hat eine frisch verputzte Fassade. Es verdankt den gelben Anstrich freilich nicht dem Wohlstand seines Besitzers, sondern einem Programm zur Dorferneuerung. Dahinter sieht es anders aus: Von der Wand des gefegten Hausflurs blättert der Putz, der Stall ist klein, und an eine Schwemmentmistung, eine Art Wasserklo für Kühe, ist nicht zu denken. Eine Frau in Holzpantinen füttert das Dutzend Hühner. Nein, der Max Maurer ist nicht zu Hause; der ist im Nachbardorf und hilft dort, Dächer zu teeren. Aber was es zu erzählen gibt, kann auch sie erzählen: Maria Maurer, 57 Jahre alt, eine kleine Frau mit abgearbeiteten Händen.