Kolumbien, im Herbst

Wir erreichen die neue Lagerstelle am frühen Nachmittag. Die Hälfte der Gruppe hat sich abgetrennt und ist höher in die Berge gezogen. Jetzt sind wird noch knapp siebzig. Der Regen hat nachgelassen. Doch das Leben im südkolumbianischen Urwald wird um diese Jahreszeit zur Qual. Das letzte Lager müßten wir verlassen, weil es zu einem einzigen Schlammloch geworden war. Damit die neue Stelle nicht zu schnell ausgetreten wird, verteilen wir die Unterkünfte auf mehr Raum. Unsere Unterkünfte, das sind selbstgemachte Hängematten aus grünem Tuch mit einer darübergezogenen schwarzen Plastikplane zum Schutz gegen den Regen. In der Mitte des Lagers hißt ein Guerillero die Embleme unserer Gruppe: die kolumbianische Nationalflagge und die blau-weißrote Fahne der M-19, der "Bewegung des 19. April".

Die Guerilla hat Übung im Lageraufschlagen. Nach zwei Stunden steht alles, wie es soll: ein Dorf mitten im Urwald. Unten am Bach ist unsere Küche: Über dem Feuer dampft der schwere Kessel voll Wasser, grüner Bananen und den Resten einer gestern geschlachteten Kuh. Alles wird gegessen, selbst die Eingeweide. Die Hufe werden in Kakao ausgekocht. "Das gibt uns Durchstehvermögen", lautet die Philosophie von Küchenchef Jairo.

Einer der Jungen hat eine Giftschlange getötet. Doch ansonsten scheint der Ort sauber: nur wenige Moskitos und die übliche Menge an Blutegeln. Nachts lassen uns die Insekten in Ruhe, weil es zu kalt ist. Meinem Zittern nach zu urteilen, dürften es nicht mehr als sechs oder sieben Grad sein. Das Schlafen macht mir Mühe, vor allem zwischen drei und fünf Uhr morgens, wenn es am kältesten ist. Doch diesmal hat mich der Marsch durch den tiefen Urwaldboden müde gemacht. Noch vor dem Abendessen ziehe ich mich in meine Hängematte zurück.

Seit der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 24. August ist der größte Teil der Regierungstruppen in die Kasernen zurückbeordert worden. Das ermöglicht den Guerilleros einen geregelten Tagesablauf: Aufstehen um fünf Uhr morgens, militärische Ausbildung der neuangeworbenen Männer oder Knaben und politische Erziehung am Vormittag, Freizeit und Patrouillen am Nachmittag. Um sechs ist es dunkel. Dann gibt es Abendessen, und um acht wird geschlafen. In Kampfzeiten verzögert sich das Abendessen um zwei Stunden, damit die Armee nicht den aufsteigenden Rauch über den Bäumen sieht.

Heute sind wir wegen des Lagerumzugs in Verzug geraten. Kurz nach zehn wecken mich Oscar und Angel in meiner Hängematte. Oscar ist 36, "Hauptmann des Volkes" und Mitglied der "Nationalen Direktion" der M-19. Er besteht darauf, daß ich noch etwas Warmes esse. Mit seinem breitkrempigen Hut, dem Krausbart und den Lachfalten an den Augenrändern sieht er aus wie Camilo Cienfuegos, der 1959 verschollene Revolutionsgefährte Fidel Castros. Oscar ist eine der Berühmtheiten der M-19. Vor Jahren war er in Bogotá den Todesschwadronen in die Hände gefallen. Sein Überleben hatte er nur dem Umstand zu verdanken, daß die Guerilla gleichzeitig eine Tochter des Ochoa-Clans, einer der mächtigsten Mafia-Familien des Landes, gekidnappt hatte. So war es schließlich zum Handel gekommen.

Die Zeiten der Stadt-Guerilla verbindet Oscar mit schlechten Erinnerungen: "Am schlimmsten ist das ohnmächtige Gefühl, unbewaffnet durch die Straßen zu gehen oder nur eine Pistole dabeizuhaben." Hier in den Bergen trennt sich Oscar nie von seinem Gewehr, einer Schnellfeuerwaffe vom Typ Kai. Die meisten Guerilleros seiner Gruppe haben Kai- oder G-3-Gewehre. Nur einige wenige tragen Maschinenpistolen, die für Gefechte auf dem Lande nicht viel taugen.