Von Rolf Schneider

Die deutsche Sozialdemokratie unterhält ein sonderbar gebrochenes Verhältnis zu Kulturpolitik und Kunst. Dieses Leiden ist alt, es führt zurück aufs Jahr 1918, da die dissidenten Genossen von Spartakus und KPD fast alles an Theorie und Praxis einer proletarischen Alternativkultur mit sich zogen; der SPD verblieben das Schulwesen und Syndrome einer großen kulturpolitischen Ratlosigkeit. In der Praxis wurstelte man mit im bürgerlichen Kunstbetrieb, häufig schlechten Gewissens, manchmal mit schlechtem Geschmack. Daß dies nicht so sein müßte, beweist ein Blick auf die österreichische Sozialdemokratie zwischen den Kriegen, da zumal die Gemeinde Wien ebenso erhebliche wie genuine Leistungen einer austromarxistischen Kulturpolitik erbrachte.

Vor dem die Kunstverwaltungen der SPD zwischen Hamburg, Köln und Frankfurt bestimmenden trüben Hintergrund nehmen sich Handlungen des sozialdemokratischen Kulturstadtrates von Nürnberg, Hermann Glaser, geradezu fabulös aus. Der von ihm vertretene Kulturbegriff geht allem Elitärem aus dem Weg. Kultur ist ihm eine Form gesamtgesellschaftlicher Selbstdarstellung, ihre Pflege ein multiples Unterfangen, wobei Förderung zumal den Randgruppen, den Unterprivilegierten gilt. Außer dem sozialen Maßstab gibt es einen regionalen; Kultur ist auch Ausdruck einer spezifischen Landschaft: nicht, im romantischen Sinne, einer Heimat, sondern einer häufig wirtschaftlich disponierten – Lebensgemeinschaft. Glaser war der erste, der die Kultur einzelner Stadtteile sah. Neben mir liegt der Katalog einer von ihm verantworteten Ausstellung, wo deutsche Sozialgeschichten vom Fabrikanten bis zum Arbeiter auffällig gemacht wurden.

"Nürnberger Gespräche"