Ein Leben für seine Partei und in seiner Partei: Treue, Disziplin, Solidarität

Von Bernd Rudolph

Von einem "Relikt aus längst vergangenen Tagen der Arbeiterbewegung" ist die Rede, von einem Mann, der so sehr in seiner Partei aufging, "daß er keine deutlichen Spuren hinterlassen hat und auch nicht hat hinterlassen wollen". Als er am 14. Dezember 1963 zu Grabe getragen wurde, da klangen selbst die Nachrufe seiner politischen Gegner ehrlich und aufrichtig. Unfreundliches wäre niemandem in den Sinn gekommen. An seiner Vernunft und seiner Fairneß gab es ebenso wenig zu deuteln wie an seiner Unscheinbarkeit, seiner Biederkeit und Treue zu seiner Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. In ihr war er immer ein Erfolgreicher. Für sie immer ein Erfolgloser. Sein politischer Gegner gab einer ganzen Ära seinen Namen; in Adenauers Kanzlerdemokratie gab es für Oppositionspolitiker nur saure Trauben. Das mußte auch ein Kurt Schumacher bitter erfahren. Dabei fehlte es diesem ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD nicht an öffentlicher Aufmerksamkeit und an Zuspruch, von dem sein Nachfolger nur träumen konnte. Erich Ollenhauer, der Mann aus der zweiten Reihe der Parteihierarchie, mußte in einer Zeit die Nachfolge antreten, als sich Adenauer im Palais Schaumburg so sicher etabliert hatte, daß an einen raschen Machtwechsel kaum zu denken war. Überdies waren die Partei und Teile der deutschen Öffentlichkeit so innig damit beschäftigt, das Schumacher-Bild zu verklären, daß man dem unscheinbaren Nachfolger nur wenig Aufmerksamkeit opfern konnte und sich die Diskussion um diesen Erich Ollenhauer in engen Grenzen hielt. Daß dies im Prinzip ein Leben lang nie anders war, zeigt das Buch von:

Brigitte Seebacher-Brandt: "Ollenhauer. Biedermann und Patriot"; Siedler Verlag, Berlin 1984; 320 S., 39,80 DM.

Je intensiver man sich in dieses Buch hineinliest, um so mehr wachsen die Zweifel, ob dies wirklich eine Biographie ist und nicht viel mehr. Die Geschichte einer Partei, die Prägekraft ausübt auf einen der ihren. "Im Lebensweg Erich Ollenhauers sollte sich der politische Weg der Partei spiegeln und im Weg der Partei der persönliche Weg durchscheinen", schreibt die Autorin in der Einführung. Das gibt einen Sinn, denn wo ist, von Bebel einmal abgesehen, das Leben seiner Vorgänger (und auch nicht das seines Nachfolgers) so intensiv und so lückenlos "in den Bahnen der Gemeinschaft verlaufen" wie das des Erich Ollenhauer. Fleisch vom Fleisch seiner alten Sozialdemokratie.

Erich Ollenhauer kam am 27. März 1901 in Magdeburg zur Welt. Er wurde hineingeboren in das Milieu eines ordentlichen Arbeiterhauses und in das Milieu einer traditionsreichen Stadt der Arbeiterbewegung. Wenn Magdeburger Arbeiter in jenen letzten Jahren vor dem großen Krieg auf der Straße demonstrierten, dann kamen schon Zehntausende zusammen. Die Ollenhauers zählten zur Gründergeneration der Arbeiterbewegung in der Stadt. Das Milieu der Kinderjahre war typisch: die Wohnung winzig und das Geld immer knapp, so wie in Millionen anderen proletarischen Haushalten im Kaiserreich.

In der Schule war Erich Ollenhauer das, was man "ein begabtes Arbeiterkind" nennt. Er sollte Lehrer werden. So wünschte es sein Rektor. Aber solch Karrieretraum scheiterte am fehlenden Geld. Für eine kaufmännische Lehre reichte es. Doch Ollenhauers Lebenstraum war ein anderer: Er wollte in seiner Arbeiterbewegung "hauptamtlich" wirken. Und so begann mit dem Eintritt in die Arbeiterjugend und in die SPD für den Arbeitersohn eine sozialdemokratische Musterkarriere, die ihn schon in jungen Jahren vom Volontär eines Provinzblattes über den Vorsitz in der Sozialistischen Arbeiterjugend bis zum Mitglied des Parteivorstandes machte. Als die Weimarer Demokratie zu Ende ging, war Ollenhauer schon die rechte Hand des Parteivorsitzenden Otto Wels. "Dem Weg", so schreibt die Autorin, "haftete etwas Zwangsläufiges an."