Ernst Mayrs monumentales Werk / Von Sievert Lorenzen

Untersucht Probleme, nicht Epochen!" Dies riet vor über hundert Jahren Lord Acton den Historikern. Geschichtswerke, die nach diesem Ratschlag geschrieben worden sind, regen besonders dazu an, aus der Geschichte zu lernen. Der Evolutionsbiologe Ernst Mayr hat den Ratschlag von Lord Acton zur Leitlinie seines neuen Buches gemacht:

Ernst Mayr: "Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Vielfalt, Evolution und Vererbung". Deutsch von Karin de Sousa Ferreira; Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, 1984; 766 Seiten, 88,– DM.

Das Resultat ist überaus erfreulich, nicht nur wissenschaftshistorisch, sondern auch schriftstellerisch. Ernst Mayr wurde 1904 in Deutschland geboren, wanderte 1932 in die Vereinigten Staaten aus und wurde 1983 mit dem Balzan-Preis ausgezeichnet (siehe ZEIT 8/1984). Er gehört zu den erfahrensten und bedeutendsten Biologen der Gegenwart. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die evolutionäre Systematik und die Evolutionsbiologie, also zwei über hundert Jahre alte Disziplinen.

Die Tatsache, daß Ernst Mayr trotz seiner Arbeit auf alten Gebieten zu den bedeutendsten Biologen gehört, zeigt eines sehr deutlich: Der Ruhm eines Wissenschaftlers gründet sich weniger auf spektakuläre Entdeckungen an der vordersten Forschungsfront, sondern in erster Linie auf seine Fähigkeit, Lücken im Theoriengebäude einer Wissenschaft zu finden, eigenständig zu denken, lohnende Fragen zu stellen. Er muß die Fähigkeit haben, Probleme in ihre Komponenten zu zerlegen und neuartige Hypothesen zu formulieren. Er muß neue und alte Hypothesen mit unnachgiebiger Härte kritisieren und den Mumm aufbringen, liebgewordene Hypothesen zu verwerfen, wenn sie der Kritik nicht mehr standhalten, und durch neue Hypothesen zu ersetzen.

Im Laufe seines Lebens hat Mayr all diese Fähigkeiten zur Meisterschaft entwickelt und damit die besten Voraussetzungen erworben, die Höhen und Tiefen in der Geschichte der Biologie zu analysieren. Bei dieser Arbeit spielen Warum-Fragen eine wichtige Rolle: Warum gelang es ausgerechnet Forschern wie Darwin, Wallace und Mendel, bahnbrechende neue Theorien zu entwickeln? Warum konnte sich die Menschheit nur so schwer an den Evolutionsgedanken gewöhnen? Warum wird noch heute die Selektionstheorie nicht immer richtig verstanden? Warum entschieden sich Forscher wie Buffon, Cuvier und Nägeli für später widerlegte Theorien, obwohl sie die heute akzeptierten Theorien fast greifen konnten?

Mayr weist ausdrücklich darauf hin, daß die Antworten auf die Warum-Fragen zwangsläufig etwas spekulativ seien. Sie haben jedoch zwei entscheidende Vorteile: Erstens verbannen sie die Langeweile, wie sie bei reiner Faktenschleuderei auftreten würde, und zweitens dienen sie dem wissenschaftlichen Fortschritt, auch dann, wenn sich die Antworten als falsch erweisen sollten. In solch einem Fall würde nämlich die Suche nach der richtigen Antwort provoziert werden.