Eberts Politik der versäumten Gelegenheiten: Wie die Sozialdemokraten immer mehr an die Seite der Rechten gerieten

Von Karl-Heinz Janßen

Die Macht lag auf der Straße. Es brauchten nur noch ein paar meuternde Matrosen auf den Bahnhöfen der Großstädte aufzutauchen, nur die Metallarbeiter in mächtigen Kolonnen die City von München und Berlin anzusteuern, und schon rollten die Kronen in den Staub. Unversehens wurde das deutsche Kaiserreich in jenem November 1918 zur Republik, und beinahe ohne Blutvergießen räumte das Anden regime der Pickelhauben und Zylinder seine Positionen.

Eine merkwürdige Revolution, denn beinahe widerwillig ließen sich die Führer der beiden sozialdemokratischen Parteien von den Massen der Arbeiter und Soldaten die Regierungsgewalt antragen; selbst der radikale Spartakus schreckte zurück. Aber welch eine Chance, welche Versuchung auch, Deutschland quasi über Nacht in einen sozialistischen Staat zu verwandeln!

Doch die demokratischen und sozialen Errungenschaften der Novemberrevolution kann man an den Fingern abzählen: gleiches Wahlrecht in allen Ländern, Frauenstimmrecht, Tarifautonomie, Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich, mehr Rechte für die Landarbeiter, Erwerbslosenfürsorge. Kein königlich-preußischer Landrat wurde gefeuert; die reaktionären Beamten, Staatsanwälte und Richter mußten nicht ihren Hut nehmen; die Schlüsselindustrien wurden nicht sozialisiert, kein Großgrundbesitzer wurde enteignet, keine loyale Volkswehr mit frei gewählten Offizieren aufgestellt.

Warum hat die deutsche Revolution so wenig vermocht, das demokratische System samt den sozialen Errungenschaften abzusichern und die autoritären Strukturen des alten Reiches aufzulösen? Warum reagierten die Sozialdemokraten so schwach und hilflos? Welche Chancen hatte die Demokratie, welche der Sozialismus? Und warum wurden sie nicht genutzt? Fragen, die schon oft gestellt und recht verschieden beantwortet wurden, wenn nach den Erfahrungen von 1933 und 1945 der Untergang der Weimarer Republik erklärt werden sollte. Nun hat ein Freiburger Geschichtsforscher neue Antworten gefunden, indem er die Geschichte von Weimar aus einer Perspektive schrieb, aus der sie eigentlich seit dem immer noch lesbaren Buch des unabhängigen Marxisten und Historikers Arthur Rosenberg, also seit über einem halben Jahrhundert, nicht mehr betrachtet wurde, nämlich aus der Sicht der gesamten deutschen Arbeiterbewegung: