Heinrich August Winkler: "Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918-1924"; Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 1984; 787 S., 75,– DM.

Das Ergebnis wird weder die Publizisten der Neuen Linken, deren Herz für Spartakus, für die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) oder die Syndikalisten schlägt, zufriedenstellen noch die einer konservativ-traditionalistischen Sichtweise huldigenden Historiker. Es ist eine originäre Leistung mit hohem Anspruch und Mut zu entschiedenem Urteil, also anfechtbar und darum diskutierenswert.

Es gibt keine "wertfreie" Geschichtsschreibung. Deshalb ist zu begrüßen, daß Winkler seine Position absteckt. Für ihn ist die parlamentarische Demokratie und somit der gesellschaftliche Pluralismus politischer Maßstab: "Nur die parlamentarische Demokratie konnte der deutschen Gesellschaft ein ihrem kulturellen und materiellen Entwicklungsstand entsprechendes Maß an politischer Freiheit geben."

Dies nun ist, nicht zufällig, auch das Selbstverständnis der Weimarer Sozialdemokratie und der ihnen eng verbundenen Freien Gewerkschaften gewesen. Indes ist Winklers, als Trilogie angelegtes, Werk eingebettet in ein gewaltiges, von Gerhard A. Ritter betreutes Projekt, nämlich die Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Gemeint ist die klassenbewußte sozialistische Arbeiterschaft (womit die christlich-sozialen und die liberalen Gewerkschaften ausgeklammert bleiben), aber dazu gehörten eben nicht nur die beiden sozialdemokratischen Parteien, sondern auch die Kommunisten, die Anarchosyndikalisten, die Basissozialisten und die frei flottierenden Linken. Auch ihre Geschichte wird von Winkler erzählt.

Es versteht sich, daß der Autor bei seinen Prämissen sich von den Bestrebungen der Linksradikalen distanziert, ihre Ziele als irreal und utopisch abtut und auch dem Rätesystem nichts abzugewinnen weiß. Doch kann er nicht verleugnen, daß er sich gleichermaßen in der Quellentreue der klassischen deutschen Historie wie in der Faktizitätsgebundenheit angelsächsischer Sozialwissenschaftler geschult hat. So bleibt er immer fair, wägt eins gegen das andere ab, und scheidet streng zwischen Tatsachen und Bewertung. Auch wer ganz anderer Meinung ist als er, wird dieses Buch nicht ohne Gewinn beiseite legen.

Winkler hat sich als Kenner der liberalen Bewegungen, des deutschen Mittelstands und der Faschismus-Theorien ausgewiesen. In sein neues Forschungsgebiet mußte er sich erst gründlich einarbeiten. Er stützt sich auf eine breite Aktenbasis (auch wenn die regionalen Unterschiede dabei zu kurz kommen, aber dieser Forschungszweig steckt noch in den Anfängen) und beherrscht souverän die fast unübersehbare Sekundärliteratur. Er schreibt ein verständliches Deutsch (was leider gerade in den Geschichts- und Sozialwissenschaften nicht mehr selbstverständlich ist), unpathetisch und unprätentiös.

Die biographische Skizze ist seine Sache nicht, aber dies erweist sich als Vorteil, denn so rücken die Proletariermassen in den Vordergrund: die Basis, die Partei, der sich nach sozialdemokratischer (und später auch kommunistischer) Tradition auch die Führerpersönlichkeiten diszipliniert unterzuordnen haben. Wir erfahren wenig über das Innenleben der Ebert und Scheidemann, der Haase und Ledebour, der Liebknecht und Luxemburg, der Landauer und Leviné, dafür um so mehr von der Armut und den Nöten, den Hoffnungen und Bedürfnissen der Arbeiterschaft. Vernachlässigt hat Winkler die Strukturen der Weimarer Gesellschaft – diese Untersuchung hat er sich für den zweiten Band vorbehalten (worin er die "ruhigen" Jahre der Republik abhandelt), denn erst seit 1925 sind verläßliche soziologische Daten verfügbar.