Rajiv Gandhi, Sohn und Nachfolger Indiras, hat ein schweres Erbe angetreten

Von Gabriele Venzky

Neu-Delhi, im November

Indien ohne Indira Gandhi – eine Wirklichkeit, die sich mit der Vorstellung immer noch nicht vereinbaren lassen will. "Indira ist Indien, und Indien ist Indira", diese zündende, zugleich alberne Parole, die zu ihren Lebzeiten die Massen begeisterte und die Kritiker entsetzte, wird nun, nachträglich, doch noch wahr. Indien tut sich schwer mit der tiefen Lücke, die ihr Tod hinterlassen hat. Äußerlich kehrt das Land zwar langsam wieder zur Normalität zurück. Aber das Schlachten, Brennen und Plündern, das dem Mord von Delhi folgte, hat dem Land Wunden geschlagen, die lange nicht verheilen werden.

Der Tod von Indira Gandhi ist eine Tragödie für das Land. Doch noch schlimmer erscheint die Orgie der Gewalt, der entsetzliche Blutrausch, der dem Attentat folgte. Indien, das sich die größte Demokratie der Welt nennt, ist leicht zu verletzen, schnell zu erschüttern. Seine 800 Millionen Menschen sind kein einiges Volk.

In der übernächsten Woche wäre Indira Gandhi 67 Jahre alt geworden. Das ist ein Alter, in dem der Tod zum natürlichen Begleiter des Lebens zu werden beginnt. Vielen erschien es dennoch unvorstellbar, daß diese Frau jemals sterben könnte. Nun lag sie da, Indira Pryadarshini – die schön Anzusehende –, wie zärtlich erst ihr Vater (in seinen berühmten Briefen aus dem Gefängnis) und dann eine ganze Nation sie genannt hatte: mit sechzehn Kugeln im Leib und einer blutunterlaufenen Stelle unter dem linken Auge, als sei sie geschlagen worden. Entschlossen sah ihr Gesicht noch im Tode aus – und ein wenig erschreckt. "Was tun Sie da?" soll sie den ihr seit vielen Jahren vertrauten Mörder fassungslos gefragt haben, ehe sie von seinen Schüssen getroffen zusammenbrach.

Aufgebahrt worden war sie im Teen Murti-Haus, dort, wo Indira Gandhi mit ihrem Vater 16 Jahre lang gelebt hatte, als Jahawarlal Nehru Indiens erster Premierminister war. Draußen drängte sich eine brodelnde, aufgewühlte Menge, Hunderttausende, die sie noch einmal sehen wollten. Hilflos die Polizei: auf den Ansturm, der doch eigentlich zu erwarten war, war sie überhaupt nicht vorbereitet. Die Massen stürmten durch die Absperrungen, brachen die Tore auf, kletterten über die hohen Gitter. Frauen, Kinder und Schwache wurden rücksichtslos niedergetrampelt. "Indira Gandhi zindabad – hoch lebe Indira Gandhi", schrien die Massen – aber auch: "Blut für Blut". Das Szenario für die kommenden Tage war damit abgesteckt.