Wer nur Zitronen und Skandale in Italien blühen sieht und solche Klischees weiterpflegen will, sollte sich hüten, zu einem Buch zu greifen, das derlei Vereinfachungen stört:

Theodor Wieser/Frederic Spotts: "Der Fall Italien. Dauerkrise einer schwierigen Demokratie"; Verlag Jochen Wörner, Frankfurt/M. 1983; 228 S., 28,– DM.

Den "Fall Italien" zu beschönigen, ist freilich – wie schon der Titel sagt – ja keineswegs die Absicht der Autoren: beide – der eine als Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, der andere als amerikanischer Diplomat – haben "in täglichem Kontakt" Italien lange Jahre beobachtet – nicht als Antiquitätenbazar und Ferienparadies, sondern als politische und zugleich menschliche (oft allzu menschliche) Wirklichkeit. So sind sie dem Land auf die Spur gekommen, vor allem jener Seite italienischer Wirklichkeit, die der Zeitungsleser nur ungern und flüchtig ("schon wieder eine Krise in Rom"), der Tourist oft gar nicht zur Kenntnis nehmen will und der Politologe oft allzu abstrakt in ein Begriffsschema zu fassen versucht. Wie diese "schwierige Demokratie" – so nannte sie der ermordete Christdemokrat Aldo Moro – unter Umständen überlebt, die anderswo längst ihren politischen, vor allem aber auch wirtschaftlichen Untergang heraufbeschworen hätte, machen die Autoren verständlich, indem sie in den Schwächen des politischen Systems auch seine Kraftreserven sichtbar machen: die Kunst der Improvisation, der flexiblen Anpassung, die "den Kompromiß der gefährlichen Kraftprobe vorzieht".

Wie schwer es jedoch eben diese Eigenart jeder Analyse macht, wird schon in den ersten Kapiteln des Buchs deutlich, die den Parteien gewidmet sind, ihrem vorherrschenden Parlament und Regierung oft an den Rand drängenden Einfluß. Zwar haben die christdemokratische als permanente Regierungspartei und die kommunistische als ebenso jahrzehntelange Oppositionspartei ein nahezu blockiertes "System ohne Alternative" entstehen lassen, doch die Autoren kommen zugleich zu dem Schluß: "Der Satz, daß es in Italien Keine demokratische Alternative zur Democrazia Cristiana gebe, hat an Überzeugungskraft erheblich eingebüßt."

Sie gewinnen diesen Eindruck nicht etwa angesichts der 1983 möglich gewordenen Regierungsbildung durch den Sozialisten Craxi; seiner Partei geben sie nur begrenzte Chancen, weil diese sozialistische Partei (wie auch ihr 11,4 Prozent-Ergebnis bei den letzten Parlamentswahlen zeigte) "kaum groß genug und innerlich kohärent genug sein kann, um eine Alternative zu den Christdemokraten anbieten zu können". Vielmehr sehen die Autoren die eigentliche Alternative in den Kommunisten – falls deren ideologische Wandlung und Anpassung an das parlamentarische System weitergeht. Daß dies eine "Revision mit Ungewißheiten bleibt, wird an den wechselnden Strategien der KPI dargestellt, an ihrer inneren Spannung zwischen reformistischem Wirklichkeitssinn und revolutionärer Neigung.

Doch nicht nur mit sich selbst haben es die Parteien Italiens schwer, mehr noch – und dies als Folge auch ihrer Schwächen – mit den "Institutionen", den legalen wie den illegalen: mit Mafia und Camorra, Terrorismus und Verschwörungen, mit einer schwerfälligen Bürokratie, die alle Gesetzgebung, Verwaltung und Justiz behindert und oft nur durch Vetternwirtschaft gemildert wird. Unter diesen Verhältnissen hat sich das Land mit einem wirtschaftlichen und sozialen Nord-Süd-Gefälle auseinanderzusetzen, das trotz des gehobenen Gesamt-Niveaus nicht geringer, sondern nur komplizierter geworden ist. Zugleich hat sich die Macht der Gewerkschaften oft in Ohnmacht verwandelt, während die der katholischen Kirche unter dem Säkularisierungsdruck immer mehr schwindet oder ins Charismatische ausweicht. So, ganz mit sich selbst beschäftigt, genießt Italien fast problemlos die Vorteile und den Schutz seiner Allianzen, ohne sich dabei außenpolitisch oder militärisch mehr als nötig zu engagieren.

Zu all diesen Themen liefert das Buch eine Fülle solider Informationen, die gleichwohl die kommentierende Darstellung nicht überwuchert. Wer einen Schlüssel für Italiens Widersprüche sucht, wird hier einen Zugang zwar nicht zu ihrer Auflösung finden, aber zum Verständnis ihrer Herkunft und möglichen Zukunft.

Hansjakob Stehle