Der neue Bundespräsident Richard von Weizsäcker wählte Paris, Grenoble, Toulouse und Lille als Ziele seiner ersten Auslandsreise.

Präsident François Mitterrand bereitete ihm einen herzlichen Empfang: aber auch Dany le Rouge, der heute eher grüne als rote Daniel Cohn-Bendit, lobte Richard von Weizsäcker als einen Mann, "in dem sich die Deutschen wiedererkennen".

Zwar haben die Bevölkerung und die französische Presse eher beiläufig von der Anwesenheit des deutschen Staatschefs Notiz genommen. Aber Weizsäcker, der auch in Frankreich hohes Ansehen genießt, wollte nicht bloß Hände schütteln, sondern suchte das Gespräch mit Politikern, Künstlern, Wissenschaftlern – und auch Schülern: Im altehrwürdigen Elite-Gymnasium Louis-le-Grand, gleich hinter der Sorbonne, erteilte er einer Klasse angehender Abiturienten in fast perfektem Französisch eine Lektion in Deutschlandkunde und praktischer Ostpolitik. Weder die Bewertung eines Schülers, er verkörpere das preußische Staatsverständnis, noch das pessimistische Urteil eines anderen Siebzehnjährigen, die kulturellen Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland seien unüberwindbar, mochten ihn in Verlegenheit bringen. "Ich möchte von euch lernen", ermunterte er die 35 Schüler zu Wortmeldungen.

Zuvor hatte er am Dienstag den obligaten Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten niedergelegt und seine Unterschrift in das Ehrenbuch des Arc de Triomphe eingetragen, gleich hinter jener des Ungarn Janos Kádár.

Die Notwendigkeit einer Entspannung zwischen Ost und West war denn auch, neben der "gegenseitigen Information über innenpolitische Tendenzen", eines seiner Gesprächsthemen mit Mitterrand.

Auch Erinnerungen an Grenoble, an dessen Universität Weizsäcker Rechtswissenschaften studierte, ruft der Bundespräsident gern wach. Auf seinem Programm stand so auch das Grenobler Institut für Neutronentechnologie, das nach Max von Laue und Paul Langevin benannt ist, einem deutschen und einem französischen Gelehrten. "Symbole und Realitäten" ist die gegenwärtig in Paris laufende Ausstellung deutscher Kunst. In einem Interview mit dem Magazin L’Express forderte kürzlich Weizsäcker mehr Realität und weniger Symbole im deutsch-französischen Verhältnis.

Roger de Weck (Paris)