Traumreisen haben Konjunktur. Und wer den Illustrator Heidelbach nicht kennt, müßte beim Titel dieses Bilderbuches befürchten, es ginge um ein trendgerechtes Entrückungsbuch.

Nein, Nikolaus Heidelbach inszeniert zwar in atemberaubendem Tempo ein malerisches Capriccio nach dem andern auf den dreißig Bildtafeln. Aber die Traumgesichte des Knaben Wilhelm haben keineswegs den esoterischen Geschmack nostalgischer Phantasierer, sondern robuste, skurrile, derb-komische Züge.

Sofort nach dem Wilhelm ins Bett mußte und seinen rosa Stoffhasen aufs Kissen gedrückt hat, rollert ein Gnom mit Geschenkpaketen ins Schlafzimmer. Aus den Schachteln kullern und turnen winzige Männlein in knackblauen Jogger-Anzügen und machen Rabatz auf Wilhelms Bettdecke. Danach stakst Angela auf die grelle Traumbühne, es ist Wilhelms Scnulfreundin. Sie kommt auf baumhohen Stelzen; hinter ihr her: ein furchterregender Clan fetter Gewichtheber. Wilhelm wird von Angelas Verfolgern mitgerissen. Auf der Straße: ein Knäuel riesenhafter Monsterfratzen. Im wirren Halbschlaf hört Wilhelm die Mutter vor der Schlafzimmertür. Aber da verwandelt sich die Bettdecke bereits in einen gigantischen Krebs mit Kneifzangen, so scharf und riesig wie ein Schaufelbagger, und Wilhelm fällt vor Entsetzen durchs Schlafzimmer von Herrn Fafner, die Wohnstube der Familie Schröder-Nestel und fällt und fällt und fällt. Bis in den Heizungskeller. Da trifft er auf einem Altkleidersack ein dickes Kellerkind und läuft zurück in die elterliche Wohnung. Aber Vater sagt bloß "Wir kaufen nichts" und klappt die Tür zu. Und auf Vaters Nase klebt eine tomatenrote Faschings-Pappgurke.

Heidelbach ist ein exzellenter Traumkenner. Er läßt Wilhelm die klassischen Stationen bizarrer Angstträume durchleben: halb bedrohlich, halb faszinierend im Schrecken, hektische Sequenzen mit tolldreisten Bildern, zu denen Flughunde und fette Schwergewichtler-Kolonnen gehören. Der chaotische Traumwirrwarr löst sich freundlich auf: um fünf vor sieben wacht Wilhelm richtig auf, guckt ein bißchen töricht über den grüngestreiften Bettbezug und tastet sich zurecht in der Wirklichkeit. Eng ans Ohr geschmiegt den rosa Stoffhasen mit einem belämmerten Hasenlächeln und ausgefransten Ohren, so lang wie Haarschleifen.

Heidelbach ist nicht auf ästhetisierende Effekte aus. Er liebt die karikaturistischen, skurrilen Momente der Malerei, großflächige konstraststarke Farbsetzung. Kein Tüftler, kein Graphiker. "Eine Nacht mit Wilhelm" ist sein drittes Bilderbuch und trägt bereits einen ganz unverwechselbaren Stil. Nichts ist da epigonenhaft. Originalität, Humor und Lust an der drastischen Szene sind die Hauptcharakteristika dieses Kinderbuchmalers.

Nikolaus Heidelbach: "Eine Nacht mit Wilhelm"; Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim; 32 S., 19,80 DM.

Der Dachs war verläßlich, zuverlässig und immer hilfsbereit. Er war auch schon sehr alt, und er wußte fast alles. Der Dachs war so alt, daß er wußte, er würde bald sterben." In diesem ruhigen, warmen Erzählton beginnt das erste Bilderbuch einer Newcomerin unter englischen Illustratoren: sie heißt Susan Varley, und ich vermute, daß sie nicht nur Grahames "Wind in the willows" sehr liebt, sondern von allen vier Freunden besonders den Dachs: den bedächtigen, gütigen Dachs, der immer Rat weiß und Krötericn, den Bohemien, energisch vor lebensgefährlichen Eskapaden und eitlem Bockmist bewahrt.