Drei Uhr morgens. Einige Puristen schreien und verlassen prostestierend den Saal. Manche Kritiker sind verzweifelt und raufen sich die Haare. Ein paar Saaldiener freuen sich und lachen. Da und dort tanzen grauhaarige Herren sich in Ekstase. Die Zuschauerbänke leeren sich rapide. Auf der Bühne stehen vier Männer aus Texas, ein brillantine-geschniegelter Gitarrist mit dunkler Sonnenbrille, ein sportlicher Kontrabassist mit Lackschuhen, ein Schlagzeuger und ein Sänger. Die vier Männer spielen laut. Sie nennen sich die "Fabulous Thunderbirds" und machen eine Musik, die Leute wie John Mayall in den sechziger Jahren berühmt gemacht haben: Rhythm ’n’ Blues, von Weißen, meist Amerikanern, gespielt. Der Sänger mit dem Bauarbeitergesicht bläst vor Blues triefende Melodien auf seiner Mundharmonika, und sein Gitarrist spielt zum hunderttausendsten Mal die charakteristischen Riffs, zieht die Töne, bis die Tränen kommen.

So etwas ist in der Philharmonie in Berlin schon öfter vorgekommen. Weniger flexible Besucher der Jazztage vergangener Zeiten oder des heutigen Jazzfestes Berlin fanden schon immer, daß Rockgruppen nichts auf einer Bühne zu suchen hätten, auf der gerade eben noch Bigbands oder exquisite Jazz-Combos gefeiert worden waren. Da gab es erbitterte Buh-Rufe. Aber früher konnten sich diese Leute noch mit der Annahme trösten, die Verquickung von Rock mit Jazz sei nur ein Ausrutscher gewesen, höchstens eine Provokation.

Das geht heute nun nicht mehr. Denn wenn man die Programmauswahl des Berliner Jazzfestes, das noch immer zu den wichtigsten der Welt zählt, zumindest für einigermaßen symptomatisch für den gegenwärtigen Zustand des Jazz hält, so kann man nur lakonisch feststellen: Es geht ihm sehr, sehr schlecht. Eigentlich gibt es ihn nicht einmal mehr. Der Begriff ist heute sinnlos geworden. Die ohnehin immer fragwürdig gewesenen Grenzen zu anderen Stilen der Populären Musik sind nicht mehr zu erkennen. Als Ursache für seine Schwäche ließe sich also die Amalgamierung mit den übrigen Klängen der Gegenwart bis zur Selbstaufgabe benennen. Das bedeutet, daß die neue Musik von heute so frei ist von stilistischen Grenzen und verbindlichen musikalischen Gesetzen, daß eine begriffliche Trennung diesseits des Willkürlichen nicht mehr möglich ist.

Früher hat es das vielleicht noch gegeben: Da wohnten in dem großen Haus der zeitgenössischen Musik alle in ihren abgeschlossenen Wohnungen, liefen mit Scheuklappen über die Flure und grüßten sich kaum, wenn sie sich im Treppenhaus begegneten. Heute sind überall die Türen ausgehängt, geht jeder beim anderen aus und ein, wie es ihm beliebt. Und wer gerade mit wem zusammen ist, spielt auch keine Rolle mehr, denn eigentlich hat jeder etwas mit jedem.

Sowie man das akzeptiert, wird das Hören wunderbar. Plötzlich gibt es keine Kanäle mehr, keine Flüsse, nur noch das offene Meer. Wer sich traut, darin zu schwimmen, den erschreckt das frühere Fremde überhaupt nicht mehr.

Insofern war das Eröffnungskonzert des Jazzfestes in Berlin schon der erste Hinweis auf die neue Wohngemeinschaft Musik. Da spielte keine Bigband, und da wurden auch keine alten Zeiten beschworen. Das Festival begann vielmehr mit einem Musikstück, das man eher in einem Kammermusiksaal erwartet hätte. Der Klarinettist Eddie Daniels spielte mit einem Streichquartett das speziell für ihn komponierte Quintett d-Moll von Jorge Calandrelli, der vorwiegend als Filmkomponist für Hollwood arbeitet.

Wie ein gutes Hors d’Œuvre war die Musik leicht, anregend und delikat. Mit Jazz hatte sie allerdings wie vieles, was man in diesen Tagen in Berlin hören konnte, wenig zu tun. Hochstens Daniels’ Tonbildung erinnerte gelegentlich an Jazz, aber das melodische Material, das harmonische Geflecht und die rhythmischen Strukturen klangen eher nach moderner E-Musik.